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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 196 - 197

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Das jüdische Chaos ("Tohuwabohu")
Date
1920-07-01
Page
Seite 196 - 197 (sequence 1)
Language
German
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196 Das jüdische Chaos 197 DAS JUEDISCHE CHAOS („TOHUWABOHU") *. Von Theodor Ziocisti. 1869 schreibt Berthold Auerbach seinem Freunde Emil Kuh, daß er in einem umfassenden Roman alle Gruppen der zeitgenössischen Judenheit fixieren wolle und dabei soll auch seine subjektive Ansicht von dem, was man Mission des Judentums nennt, zum Ausdruck kommen. Der Roman ist nie erschienen. Es wäre ein geschwätziges Lehrgedicht geworden. Das Sagen dessen, was ist, war dieses braven Mannes Sache nicht, in dem die Angst Politik und — am Ende seiner Jahre — die Politik Literatur machte. 1869: Die Kämpfe waren verhallt. Das jüdische Leben war erstorben. Orthodoxe und Reform, auf dem Boden der Mission und der — Manufaktur — waren geeint, unterschieden sich nur wie die Farblosigkeit der Tradition von der Tradition der Farblosigkeit. Fünfzig Jahre später das Chaos; verworren, unruhig, lärmend; der Kampf auseinanderstrebender Elemente, die von den mystischen Gewalten des Blutes und des Schicksals ineinander, durcheinander gepreßt werden; ein Kampf verheerend und zugleich gebärend; ein Kampf wie alles Leben: Tod und Werden. Seit der jüdische Mensch sich und seiner Bedingtheiten bewußt wurde und zu sagen wagte von seiner Unruhe, seiner Qual und seiner Sehnsucht, ist aus titanischen Kämpfen dieses Chaos künstlerisches Erlebnis geworden. Feinstes wurde aus der Projektion dieser nationalen Wirrnis auf die individuelle Seele; aus den wirbelnden Reflexen von Jahrtausenden auf den Erben in enger Zeit. Der Judenroman konnte so ästhetischer Seelenschürfung Tiefe und magische Lichter geben. Gronemann griff nicht nach dem hastig welkenden Kranz des Literaten. Er erlebte das Chaos und überwand es, indem er es sehen lernte. Er rettete sich aus der Tragik des Tohuwabohu und fand seine Humore. Sein Buch wurde also nicht Beichte, sondern Bericht. Heroisch verzichtet es auf die innere Einheit, die allein die Zentrierung des Tohuwabohu in einem elenden Ich schaffen konnte. Eine Rahmengeschichte hält das Ganze nur soweit zusammen, daß die Tragikomödie des Wirrnisses sich voll und toll austoben kann. Der Dichter versteckt sich nicht hinter seinen Gestalten. Er objektiviert sie, erlöst sie vom Zufälligen, das in allem Individuellen ist*. Jede einzelne Gestalt ist eine Ableitung aus den Tausenden seiner Art; die Vielfältigkeit persönlicher Erlebnisse ist auf einen allgemeinen Nenner gebracht. Der Dichter gibt Typen. Die Natur kennt sie nicht. Typen sind immer Karikaturen. Sie handeln nicht. Sie werden zu den Dingen gestellt — in die typisierte Tragik, in die Groteske. Unsere Zeit, die den Kultus, der die Vielheit in sich spiegelnder Einzelseele pflegt, ist gern bereit, solche Werke an die Peripherie des Kunstbereiches zu stellen. Sie fordert die innere Geschlossenheit, die Handlung *) Sammy Gronemann, Tohuwabohu,WeltVerlag, Berlinl 920. als die harte Folge des Charakters und will, daß das individuelle Wesen hinausstrahle ins Allgemeine. Gronemann verfolgt den entgegengesetzten Weg: das individuelle Wesen soll aus dem Typus steigen. Und er zwingt uns so hartnäckig auf seine Bahn, daß wir am Ende dastehen und sagen: das bist du und ich Xind dieser und jener. Und wir suchen unter unseren Bekannten, wir erinnern uns einer Begegnung, einei Mitteilung, eines Geschehens — der Typus wird als Individuum lebendig; das Geschehnis wird Wahrheit. Sie schwirren durch die Groteske des Tohuwabohu. Und ist es nicht so manches Mai nur eine — Posse?! Und ist nicht alles Leben ein Tohuwabohu, in das wir willenlos verstrickt hin- und hergeschleudert werden wie ausstaffierte Mannequins? Wir alle bekommen — erster oder dritter Klasse beerdigt — immer die gleiche Grabrede des Bäffchenträgers. Und sie paßt! Gronemann führt uns an die Grenze der Kulturen, allwo noch nicht der Nebel der Einbildung das Tohu verhüllt. Wir wandern mit ihm durch das jüdische Land — das immer Grenzland der Kulturen ist. Am wenigsten noch im Osten. Seine geschlossene Masse von höherer Gesittung entgeht der Gefahr der Lächerlichkeit leichter, die aus allem Angleichungseifer steigt. Hier wachsen feste Charaktere, denen alle Not nur Heiterkeit gibt; denen die Enge sich weitet zur großen Weit, weil sie in Gott und mit ihm leben wie mit einem guten Bekannten. Sie können selbst den schaurigen Pogrom ertragen, denn sie haben die Gewißheit: sie werden sein, .wenn ihre Dränger längst verdorrt. Aber an der Peripherie dieses festen Grundes bröckeln die Schollen. Man lernt Deutsch. Man lernt Goethe, wie ein Abschnitt Gemareh gelernt wird. Heimlich! Und Deutschland lockt. Hier erst springen die großen Widersprüche aufeinander. Hier braust das Tohu, täglich neue Grotesken gebärend. Sie ziehen alle auf (sie werden vielmehr aufgezogen). Diese köstlichen Typen, die sich und ihr Treiben so ernst nehmen, und doch so komisch sind. Die Reih ist lang, der Wahn ist kurz. Er wird nicht geschont. Wir kennen sie alle: den Juristen, der sich bis zum Landesdirektor durchgetauft, die Frau, die das adlige Milieu feierlich nimmt, die Kinder, die — zeitweilig peinlich rückfällig - mit mokantem Lächeln in die neue Rasse hineinschlittern. Der diplomatisch glatte, parasitäre Künder der jüdischen Mission führt seine Clowntänze auf, daheim und draußen, vor Christ und Jude, in „Abwehr" und Stipendienverteilung, vor allem in dem großen Zirkus, zu dem das jüdische Gotteshaus profaniert wurde. Und dann die Orthodoxiel Die deutsche! . . Jedes einzelne Stadium im Prozeß der Entjudung, Preisgabe von Stückchen, Ecken, Mittelstück und Kopf des Judentums, Industrialisierung der Frömmigkeit, Erstarrung lebendiger Inhalte, Atavismen, schöne Reste

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