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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 190 - 191

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Jüdische Wirtschaftsethik
Date
1920-07-01
Page
Seite 190 - 191 (sequence 5)
Language
German
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190 Jüdische Wirtschaftsethik 19! auch in der Religion Luthers nicht überwunden ist. Das Judentum aber hat einen solchen Konflikt niemals gekannt, weil es den Wert materiellen Gutes zu allen Zeiten richtig beurteilt hat. Wenn die Bibel den Israeliten ein Land »verheißt, „darin Milch und Honig fließt", zum Lohn für Gottesfurcht und Frömmigkeit Fruchtbarkeit des Bodens und reichen Ertrag der Arbeit verspricht, wenn der Talmud den Grundsatz aufstellt, daß die Thora bei ihren rituellen Verboten auf jüdischen Besitz Rücksicht nimmt, wenn er verbietet, Eigentum zu vergeuden, oder mutwillig zu vernichten, so tritt in alledem der realistische Grundzug des Judentums klar hervor. Dadurch aber entsteht auch die Frage, ob unsere Religion ernst genug bestrebt ist, dem Erwerbsstreben des Juden Grenzen zu ziehen, eine materialistische Denkweise zu verhindern. Man braucht jedoch nur auf den Charakter »des jüdischen Gottes begriff s zu achten, um zu erkennen, daß Materialismus jund Judentum sich ausschließen. Wenn die Heilige Schrift bei aller Rücksicht auf die natürlichen Bedingungen des Lebens eine übertriebene Schätzung wirtschaftlicher Güter vermeidet, wenn sie die Aufgabe des Menschen nicht in dem Erwerb möglichst großer Reichtümer, -sondern in der Verwirklichung sittlicher Ideale erblickt, von ihm das Streben nach Heiligkeit verlangt, so ist das nur die selbstverständliche Folge ihrer Lehre von dem heiligen Gott. Bei aller freudigen Weltbejahung, bei aller Anerkennung des Materiellen ist. doch der unendlich höhere Wert des Sittlichen und Idealen niemals übersehen, sondern mit aller Entschiedenheit betont. Man könnte vielleicht sagen, daß die Bedeutung des wirtschaftlichen Lebens eher zu niedrig, als zu hoch geschätzt wird. Daß Wohlstand, «Ueberfluß und Reichtum die notwendige Bedingung jeder höheren geistigen Kultur sind, ist in der Religion der Bibel noch nicht erkannt. Das Wirtschaftliche bleibt in der Sphäre des Naturhaften. Mit kapitalistischer Denkweise hat also das Judentum nichts gemein. Daher setzt die Heilige Schrift als den natürlichen Beruf des Israeliten nicht den des Kaufmanns voraus, der dem Kananiter, dem Fremden, überlassen wird. Darum läßt sie den Stammvater Jakob sich mit „Brot zum Essen und einem Kleid zum Anziehen" begnügen, und auch der Repräsentant der jüdisch-nationalen Glanzzeit, der König Salomo, bittet um Weisheit des Herzens, um die Fähigkeit, sein Volk gerecht zu regieren, und nicht um Reichtum und Ehre. Geld und Besitz sind in der Religion der Bibel noch nicht Selbstzweck geworden, sondern dienen den natürlichen Bedürfnissen des Lebens, Und auch der Talmud bewegt sich in dem Gedankenkreis und der sittlichen Anschauung der Bibel, verlangt das Streben nach idealen Werten. Dies ist der Weg zur Lehre: „Brot mit Salz sollst du essen, selbst Wasser zugemessen trinken, auf der Erde schlafen, ein Leben der Entbehrung führen und bei alledem ohne Rast dem Studium obliegen." Sprüche der Väter, Kap. VI, 4. An idealistischer Strenge übertrifft hier die talmudische Forderung noch die der Bibel. Daher ist es vollkommen unmöglich, die Wurzel des modernen Kapitalismus im Judentum zu finden. Er ist das Ergebnis der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung. Die kaufmännische Begabung und Denkweise des modernen Juden steht in keinerlei Zusammenhang mit seiner Religion, sondern ist die Folge der jahrhundertelangen kaufmännischen Betätigung, zu der man unsere Vorfahren gezwungen hat. Das kapitalistische Denken aber, das Bestreben, Kapital nicht ungenützt zu lassen, sondern ertragreich zu verwenden, gleichviel ob die Bedürfnisse des eigenen Lebens das erfordern, dieser ganze moderne Mammonsdienst ist nicht im Einklang, sondern im Gegensatz zum Judentum. Liier liegt vielleicht das schwierigste ethische Problem unseres religiösen Lebens, daß das kaufmännische Gewissen andere Forderungen stellt, als die religiöse Moral der Menschlichkeit. Der moderne Kaufmann fühlt sich dem Kapital gegenüber verpflichtet und empfängt von ihm die Direktiven seines Verhaltens. So entsteht eine Ethik, die mit der des Judentums oft genug in Widerspruch gerät. Vor der Entstehung des modernen Kapitalismus aber war ein solcher Konflikt in der Seele des Juden nicht vorhanden, weil damals das Kapital noch nicht die allmächtige Gottheit war, der man »diente, sondern ein bescheidenes Werkzeug in der Hand des Menschen. Die Wirtschaftsform, die unsere Religion bei allen ihren sittlichen oder rechtlichen Bestimmungen als selbstverständlich voraussetzt, ist die der Privatwirtschaft. Die sozialistische Idee einer organisierten Gesamtwirtschaft gehört der Neuzeit an. Sie konnte erst im Zeitalter der Maschine und des Fabrikbetriebes entstehen, als man im industriellen Unternehmen das Beispiel einer planmäßigen Zusammenarbeit und einer einheitlichen Leitung der Produktion vor Augen hatte. Auch von ihren sittlichen Grundsätzen konnte die Bibel nicht zur Förderung einer sozialistischen Wirtschaft gelangen, weil sie den Egoismus als sittlich berechtigt anerkennt. Das jüdische Gebot der Nächstenliebe stellt Egoismus und Altruismus einander gleich. Schließlich würde es auch dem individualistischen Charakter des Judentums widersprechen, wollte es dem einzelnen seine wirtschaftliche Selbständigkeit nehmen. So entschieden unser Glaube uns auf unsere Pflichten

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