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Ost und West · 1920-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1920) · p. Seite 182 - 183

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Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1920)
Article
Lasar Segall
Date
1920-07-01
Page
Seite 182 - 183 (sequence 4)
Language
German
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182 Jüdische Wirtschaftsethik 183 LASAR SEUALL Talmudist so spricht doch Segall mit seinem ganzen Schaffen: Kann' nicht anders. Und man nimmt ihn mit heißer Sympathie, weil in seiner Auffassung von Welt und Leben doch so viel Wahrheit vorhanden ist, bittere schwere Wahrheit. Den Juden Lasar Segall, dem Sohn des Wilnaer Thoraschreibers, haben alle Reisen durch die Welt* das lustige Leben von Paris, die glühenden Sonnen* strahlen Spaniens'und Brasiliens, nicht von der Elul* Stimmung abgewandt, die alle jüdischen Gassen und Gäßchen atmen. O, Wilna ist nicht lustig, Wilna ist ernst und schweigsam, alte Sorgen und Schmerzen lasten darauf. Und auch die Gestalten von Segalls Rabbinen und Talmudjüngern drücken Ernst und Schwermut aus. Sie tragen nicht den Kopf hoch, sie sind nach jinnen gekehrt, vertiert, mit schweren Problemen ringend. Segall hat die Galuthmotive ungemein ver* tieft und zur höchsten Tragik ausgebildet. Aber diese Tragik ist häufig ge* mildert und verklärt durch einen Strahl von Hoffnung, durch einen Schimmer von Trost, und man freut sich und atmet freier auf. Die Trauer, die von der „Witwe" ausgeht, führt nicht zur Verzweiflung, weil die zarte Hand das geliebte Kind kost und wie schützend auf ihm ruht. Welch verklärte, süße Melancholie ist hier verbildlicht! Und im Bilde „Die ewigen Wanderer" ist es der Greis mit dem weißen Bart, der zu uns mit den Augen eines Weisen schaut und uns verkündet, daß man die höchste Stufe menschlichen Sinnens erst erreicht, wenn man die Tragik überwunden hat. Kohelet ist der höchste Protest gegen den leichtsinnigen Optimismus, aber auf dieser Stufe darf man' nicht stehen bleiben, man muß sich weiter bis zum höchsten Niveau der Weisheit, zur abge* klärten Ruhe emporringen, ohne welche es keine Vollkommenheit gibt. Dresden JUEDISCHE WIRTSCHAFTSETHIK. Von Rabbiner Dr. Lew k o w i t z Berlin. JDas Judentum gehört zu den Diesseits- Religionen, weist den Menschen mit seinem Wollen und Streben auf das irdische Leben hin, ermahbt ihn, in der sichtbaren Welt, die ihn umgibt, seine Kraft;zu regen und sein Werk zu tun. Das bedeutet -nicht, daß der Horizont des Juden über den "Kreis des Wahrnehmbaren nicht hinausreicht. Das Judentum hat ja gerade den Gedanken eines unsichtbaren, transscendenten Gottes, der über die Welt hinausragt und von ihr verschieden ist, geschaffen, und aus allen Worten der Heüigen Schrift spricht die Gewißheit, daß in allem Wahrnehmbaren, das wir erkennen, ein Unerkennbares und Geheimnisvolles waltet, das sich verhüllt. Wenn man das Judentum zu den Diesseits^Religionen zählt, kann der berechtigte Sinn einer solchen Bezeichnung nur darin liegen, daß der Schwerpunkt des religiösen Interesses hier nicht im Jenseits1, sondern im Reich des Irdischen liegt. Dieser allgemeinen Tendenz unseres Glaubens entspricht seine Stellung-, nähme zu den Fragen des wirtschaftlichen Lebens. Charakteristisch für den Geist des Judentums ist bereits seine Beurteilung der Arbeit. Im heidnischen Altertum galt sie als eines freien Mannes

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