Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1920)
- Article
- Lasar Segall
- Date
- 1920-07-01
- Page
- Seite 176 - 177 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Lasar Segall 177 LASAR SEGALL Von Sch. G o r e 1 i k. Einer Modelaune wegen, nur um Anderen zu gefallen, ändert ein Mensch nicht den Ausdruck seines Gesichtes, den Klang seiner Stimme. Hinter diesen Aenderungen markieren sich Schicksals* Wendungen. Tief eingegrabene Falten in der Stirn Mnd den Mundwinkeln sprechen von Elend und Not, von innerer Einsamkeit, von Kämpfen und Ent* Täuschungen, sie sind Symptome untergegangener Welten. Undauch in der Welt der Kunst ist es nicht .anders. In ver* schiedenen Epochen werden die Maler von neuen Ideen er* faßt, wenden sich ab von ihren eige* nen alten Schöp* fungen und fangen an, andere Wege zu suchen, anders zu malen. Die große Masse fühlt sich anfangs gereizt, glaubt, das geschehe aus Laune und Will* kür, und man mache sich über sie und die Welt lustig. Wo gibt es denn in der Wirklichkeit eine solche Land* schaft, wie die hier hingepin* sehe? Wo hat man jemals einen solchen Kopf be* obachten können? So spricht derLaie, bis er sich langsam an die neuen Offenbarungen der Kunstrichtung ge* wöhnt. Gern schmückt er dann seine Wände mit den Bildern der allerneuesten Kunst und freut sich, daß die Kunstgelehrten die neue Richtung sanktioniert und mit einem wohlklingenden Namen versehen haben. Die Hauptsache ist der Name, die Legitimation. Man schimpfte anfangs auf den Impressionismus, bis man sich beruhigt hat, bis er sich <iße Welt eroberte. Man schmäht heute noch den-Expres* sionismus, aber die Stimmen werden imnie)S|^^ächer. Man hat sich allmählich mit ihm befreundet und viele expressionistische Künstler sind bereits populär LASAR SEGALL' Witwe geworden. Die konservativen Gehirne finden sich langsam damit ab, und einige der revolutionären Kunst sind bereits auf dem Wege, kanonisiert zu werden. Der aus der Hauptstadt Litauens stammende und seit Jahren in Dresden wirkende Maler Lasar Segail ist noch weit da* von, kanonisiert zu werden. Auf der breiten Land* Straße, wo die Kunstliebhaber sich taumeln, wird sein Name noch nicht laut ausgerufen. Aber er hat bereits in einigen deut* sehen Städten und vor allem in der sächsischen Resi* denz selbst eine treue Gemeinde, die ihn liebt und das Schaffen die* ses ernsten in Anwendung äus* serer Mittel aske* tischen Künstlers, mit inniger Freu* de verfolgt. Man fühlte sich hin* gezogen zu den melancholischen Köpfen, zu den Augen, die die Tragik des Le* bens und seine Rätsel widerspie* geln. Selten fin* det man einen Künstler wie die* sen, der allem Effekt aus dem Wege geht, der alles vermeidet, was durch äußerliche Schönheit des Zuschauers Bewunderung erzwingt. Die Rahel bemerkt einmal: ,,Wir sprechen nur so viel, weil wir uns nicht ausdrücken können. Könnten wir das, so würden wir nur eins sagen". Segall gehört, wie es scheint, zu denen, die es können. Er ignoriert die äußerliche, klingende Beredsamkeit, weil er nur eins sagen kann und will. Aber dieses eine spricht eine starke, ergreifende Sprache. Klingt nicht aus seinem „Kaddisch" die tiefe Melodie von Verlassenheit, von plötzlichem Verwaistsein? Diese drei Kinder Dresden