Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Israel in Waffen
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 126 - 127 (sequence 8)
- Language
- German
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126 Israel in Waffen 127 tapferen Buch4) 161 Stimmen von hervorragenden Persönlichkeiten und Körperschaften aller zivilisierten Nationen der Welt zu einem gewaltigen Chor vereint im Protest gegen diesen Frieden, der das Gegenteil von Gerechtigkeit ist; es sind 29 französische Stimmen darunter, leider fehlt die des Rabbiners und Professors Silvain Levy . . . Man darf heute überhaupt von Gerechtigkeit in Verbindung mit Kriegnicht mehr reden. „Gerechte'* Kriege konnte es in den Urzeiten des Menschengeschlechtes geben, als die Erde noch klein war, das Bewußtsein der Menschen dumpf und die Unterschiede zwischen den Völkern unüberbrückbar. Aber heute, da die Erde mit ihrer Segensfülle ausgebreitet vor uns Hegt, Tausende Von Quadratmeilen der emsigen, mit den wunderbarsten Erfindungen der Technik bewaffnetem Menschenhand harren, um Nahrung für Millionen und Millionen herzugeben, da unzählige Fäden geistiger und materieller Gemeinsamkeit die Völker von einem Ende der Welt bis zum andern verbinden — in unseren Tagen gibt es keine „gerechten" Kriege mehr; da ist jeder Krieg eine verbrecherische Gewalttat, ein sinnloses Morden. Die Propheten Israels sehnten die Gerechtigkeit herbei und. Einen, der „richten wird zwischen vielen Völkern'4. Mit jedem Krieg entfernen sich die Menschen von diesem Ideal immer mehr. Wohl ist die Tapferkeit der Soldaten vor dem Feind sehr zu preisen. Allein sie ist nichts im Vergleiche mit der Tapferkeit des Märtyrers. Die Tapferkeit des Soldaten ist ein Erzeugnis der Massensuggestion, der Aufwühlung aller Instinkte der Selbsterhaltung, des Vernichtungsdranges und der Verteidigung. Sie wird aufgestachelt durch den Anblick des bewaffneten Feindes von vorne und "angetrieben durch das Maschinengewehr von hinten. TJen tapferen Soldaten um braust der Jubel und die Bewunderung der Kameraden, der Vorgesetzten, des Vaterlandes. Dem Feigen droht der Hohn, die Verachtung, der schmähliche Tod, wenn er desertiert. Aber jene 38 jüdischen Männer und Frauen, die vor vierhundert Jahren in Berlin5) den Feuertod erlitten, weil sie einer geweihten Hostie Blut abgezapft und sie gepeinigt haben sollten? Sie erwartete das qualvollste Ende, sie schritten singend zum Scheiterhaufen durch ein 4) „Der Weltprotest gegen den Versailler Frieden.** Leipzig 1920. Verlag der neue Geist, Dr. Peter Reinhold. 5) Vergleiche „Die Märtyrer von Berlin** Ost und West 1910, Heft 7 und 8. Spalier von höhnendem* schim'pfendem, geiferndem Pöbel, und neben, ihnen schritt die Lockung: sie brauchten nur das christliche Bekenntnis zu sprechen, um gerettet und frei zu sein... Dieser Krieg hat dem; Kriegsruhm das Grab geschaufelt. Nicht einmal den siegreichien Feldherren wird die Nachwelt Denkmäler bauen und Kränze flechten, ihr Name wird in keinem Volkslied fortleben. Man braucht nur aufzumerken, mit welch dumpfem Groll, mit welch kalter Verbissenheit die besten Franzosen jetzt von ihren siegreichen Heerführern sprechen, im; Gegensatz zu dem Kultus, mit dem sie die besiegten Generale von 1870/71 umgaben,, um zu sehen, daß die Zeit der_Kriegslorbeeren vorüber ist. Wir Juden müsjsen uns schon mif^dem Kriegsruhm begnügen, den Josua, Dawid, Joab;, Iehuda Makkabi und Bar Kochba .geerntet haben, im übrigen aber auf friedlichen Gebieten unsere Kraft zu bewähren trachten. Die kriegerische Tapferkeit und das ganze Waffenspiel ist gut für jugendliche, unreife Völker, für_ Kölker in_den Fle&eljahxen. Vor Jahrtausenden fanden auch unsere Vorfahren ihre Freude daran. Seither hat die Erfahrung uns gelehrt, daß es zur Austragung von Streitigkeiten unter den Menschen andere Waffen gibt als solche von Stahl und Eisen. Vor ungefähr 1700 Jahren fragten die Weisen des Talmud: Darf ein Mann am Sabbat Waffen tragen, da eine Waffe doch eine Zier bildet, die am Sabbat zu tragen erlaubt ist? — Nein! antwortet der Talmud; die Waffe ziert nicht den Mann, sie verunziert ihn; denn es heißt: sie werden ihre Schwerter und Lanzen umschmieden zu friedlichen Werkzeugen, kein Volk erhebt die Waffe gegen das andere, sie lernen den Krieg nicht mehr. Am Sabbat war es erlaubt, die Waffen des Geistes zu schwingen, im friedlichen Kriege auf dem Schlachtfelde der Thora. Das ist die Rüstung, die uns Juden geziemt, die unserer Tradition angemessen ist. Seine UeberzeugujQg; ,zu h&^ kennen, der Menge der Zeitgenossen zum Trotz, das ist größere Tapferkek^ale-^r^^ und Fliegerbomben^Tür den Sieg der Gerechtigkeit zu kämpfen. Jene drei durchaus unkriegerisehen kleinen polnischen Juden, die ihr Leben *dem Kampfe für die Religion der Völker, für die Sprache der Völker und die Versöhnung der Völker widmeten6), das waren richtige Soldaten der Gerechtigkeit, viel mehr als sämtliche Sieger auf den französischen Schlachtfeldern. 6) Vergleiche „Jüdische Vorkämpfer /ür das Menschenreich der Zukunft", Ost und West 1919, Heft 1—6.