Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1920)
- Article
- Israel in Waffen
- Date
- 1920-05-01
- Page
- Seite 114 - 115 (sequence 2)
- Language
- German
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114 Israel in Waffen 115 gegen deren bürgerliche Gleichberechtigung verschwunden. In der Gesinnung der Juden hatte sich in demselben Zeitraum eine bedeutende Wandlung vollzogen. Am Ausgange des 18. Jahrhunderts empfanden wohl die Juden im allgemeinen, auch die in Mittel- und Westeuropa, ein ehrliches Grauen vor dem Kriegshandwerk, und man wird sich darob nicht wundern, wenn man bedenkt, was für einen Eindruck z. B. noch die Werbetrommel Friedrich des Großen in den preußischen Dörfern machte, daß man in Rußland um jene Zeit die ausgehobenen Leibeigenen und Landstreicher in Ketten zur Kaserne schleppen mußte. Ungefähr anderthalb Jahrtausende war der Jude nicht nur vom Waffenhandwerk, sondern vom Leben in der freien Natur ferngehalten worden. Religion, Sitte und Lebensgewohnheiten hatten ihn jede Gewalttätigkeit verabscheuen gelehrt. Schon das Kind in der Schule lernte: wer gegen seinen Nächsten die Hand erhebt, heißt ein Bösewicht. Schlägereien, wie sie noch heute unter den ehrbarsten Bauernbevölkerungen der gesittetsten Länder auf der Tagesordnung stehen (und als eine treffliche Vorschule für den Krieg gerühmt werden), dürften schon im frühen Mittelalter unter den Juden zu den größten Seltenheiten gehört haben, ebenso wie das Prügeln der Ehefrau oder die Trunksucht. Vollends das Blutvergießen war seit jeher dem Juden ein Greuel, so daß er sich für das Schlachten der Tiere einen eigenen Kultusbeamten hält, dem diese Tätigkeit nur dadurch erträglich ist, daß sie mit der Weihe eines religiösen Aktes umhüllt wird, dessen Vollziehung mit weitläufigen Riten umgeben ist und dem eine Benediktion (berachah) vorangehen muß. (Das hat ein karäischer Schriftsteller aus dem 11. Jahrhundert sehr fein auseinandergesetzt.) Auch heute noch dürfte, - selbst in den Kreisen, wo man auf das1 Ritualgesetz gar keine Rücksicht mehr nimmt, eine jüdische Hausfrau sich schwerlich dazu hergeben, eigenhändig das Geflügel zu schlachten. Was Wunder also, daß das Soldatenhandwerk die Juden mit Widerwillen erfüllte? Dazu kamen noch schwere religiöse Bedenken betreffend die Entheiligung des 'Sabbats und Verletzung der Speisegesetze, die der Militärdienst notwendig mit sich brachte; ganz davon zu schweigen, daß dais stetige schutzlose Zusammenleben mit den andersgläubigen Kameraden wenig Reiz für den Juden bot, da er ja in seinem bürgerlichen Dasein, auch wenn jene den besten Gesellschaftskreisen angehörten, genug von ihnen zu leiden hatte. Dagegen verstummten beim Juden alle Antriebe, die die andersgläubigen feürger empfinden lassen, daß es eine Lust sei, Soldat zu sein. Der Begriff des gemeinsamen Vaterlandes, das durch den Krieg verteidigt oder erhöht werden solle; hat sich in Westeuropa erst in der Epoche der französischen Revolution entwickelt, den polnischen Bauern z. B. war er noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts völlig fremd. Wie sollte er dem Juden des 18. Jahrhunderts einleuchten, der völlig außerhalb des Staates stand und von ihm nur als Objekt der Unterdrückung, Erniedrigung", Mißhandlung und Erpressung behandelt wurde? Der Militärdienst galt der Person des Fürsten oder der Dynastie, deren Wechsel für den Juden fast nie eine Veränderung seiner Lage bedeutete. Einen Ansporn zur Auszeichnung- oder gar zur Standeserhöhung bot ihm der Militärdienst nie und nimmer. Der Weg auch nur zum Unteroffizier war ihm versperrt. Es ist also begreiflich, daß die Juden in einzelnen Fällen bis in die ersten Zeiten des 19. Jahrhunderts sogar auf die bürgerliche Gleichberechtigung zu verzichten geneigt waren, wenn diese an die Bedingung des Militärdienstes geknüpft wurde. Nichtsdestoweniger finden wir schon gegen das Ende des 18. Jahrhunderts, daß die Juden in Momenten der allgemeinen Gefahr gleich den anderen Bürgern in Massen zu den Waffen jgriffen. Das Beispiel des Berko Josselowicz. und seiner Legion in Warschau (1797) machte auf die preußischen Machthaber einen so starken Eindruck, daß es viel zur Ueberwindung ihrer Vorurteile gegen die Juden beitrug2). In den napoleonischen Heeren brachten einzelne Juden es sogar zu hohen Stellungen als Offiziere. In den Befreiungskriegen folgten die Juden Preußens der allgemeinen Erhebung, und Hardenberg stellte ihnen das Zeugnis aus: „Die jungen Männer jüdischen Glaubens sind die Waffengefährten ihrer christlichen Mitbürger gewesen, und wir haben auch! unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der rühmlichen Verachtung der Kriegsgefahren aufzuweisen, so wie die übrigen Einwohner, namentlich auch die Frauen, in Aufopferung jeder Art den Christen sich angeschlossen haben.*' Je mehr die Juden vom allgemeinen Strom des bürgerlichen Lebens erfaßt wurden, am kulturellen Leben teilnahmen und sich der Zugehörigkeit zum Staate bewußt wahren, auch wo diese noch weit davon entfernt war, in der bürgerlichen Gleichberechtigung ihren Ausdruck zu finden, desto mehr trat die Abneigung gegen den Militärdienst bei ihnen zurück, namentlich nach der Einführung der allgemeinen Militärdienstpflicht. Dieser Prozeß würde sich noch viel rascher vollzogen haben,, wenn die Regierungen, als sie den Juden iden Mi-, litärdienst auferlegten, ihren religiösen Empfin- 2) Vergleiche darüber ausführlich „Ost und West",. Jahrg. 1916, Heftl.