Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Der König von Jerusalem
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 88 - 89 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584096-2606818--17810-2606861- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
88 Die Erforschung der alten Synagogen in Galiläa. 89 an auf lange Zeit mit »der Krone von Cypern vereinigt; und da beute Cypern den Engländern gehört, so könnte sich füglich; der König von England zu seinem vielen Kronen auch noch die Krone von Jerusalem aufsetzen. Wem die reale Macht heute in Palästina gehört, der könnte demzufolge auch den Rechtsanspruch für sich formulieren. Aber das Protektorat über die Christen im Heiligen Lande, die in zahlreiche Sekten zerfallen, kann wahrscheinlich nicht gut in die Hände des anglikanischen Königs gelegt werden. Dagegen gibt es noch heute zahlreiche katholische Nach- * kommen der Balduins, Lusjgnans und Briennes, die sich mit einem gewissen Rechte Könige von Jerusalem! nennen könnten und sich wohl auch nennen. Das Haus Savoyen kann sich ebenfalls nur infolge seiner Verwandtschaft mit den Lusignans von Cypern den Titel eines Königs von Jerusalem beilegen. Soweit unsere Kenntnis reicht, war es keinem Savoyer vergönnt, in Jerusjallem eine eigene Rolle zu spielen. Zwar hat Amadeus III. den zweiten Kreuzzug mitgemacht (er starb 1149 auf Cypern), aber er war nur Vasall und kein Souverän. Sein .Enkel, Thomas I. (1189—1233), als ein kräftiger und glücklicher Fürst beklannt, hatte all seine Erfolge nur dem zu verdanken, daß er treu zu dem deutschen Kaiser Friedrich II. hielt und ihm als Reichsvikar diente. Kaiser Friedrich II. setzte sich 1229 selbst die Krone von Jerusalem auf, auf die er durch seine Heirat mit Jolante, der Tochter Johanns von Brienne, glaubte ein Anrecht zu, haben; er besaß auch diese Macht durch zehn Jahre, aber keineswegs durch die Gnade des Papstes, auch nicht durch die Unterstützung der Johanniter und Tempelherren, die ihm vielmehr in jeder Weise zu schaden suchten, sondern einfach durch geschickte Ausnutzung der politischen Zustände, indem er mit Karnil, dem Sultan von Aegypten, einen vorteilhaften Frieden schloß. Auch so war nicht Palästina, an sich sein Machtbereich, sondern nur die heiligen Orte in ihm, Ida alles übrige der Sultan für sich behielt. In dieser Form Palästina zu besitzen, wäre den europäisch-christlichen Reichen völlig ausreichend gewesen, aber die geschichtlichen Ereignisse machten den Christen jede positive Herrschaft in Palästina zunichte. Trotzdem führten die deutschen Kaiser bis zum Jahre 1806 den Titel „König von Jerusalem". Dieser Titel war also durch vier Jahrhunderte ein Erbstück des Hauses Habsburg, und darin eben zeigt sich der große Wandel ider Zeiten, daß auch dieser Machttitel, von Oesterreich an Italien abgetreten, von Wien nach Rom transferiert werden muß. Noch Kaiser Franz Josef führte, nicht so sehr als deutscher Kaiser, der er ja nicht mehr war, sondern als Erbe der habsburgischen Hausmacht, rechtmäßig auch den Titel* König von Jerusalem. Man hat den alten gütigen Herrn, der in seinem Reiche über Millionen von Juden herrschte und ihnen stets gut gesinnt war, auch spottweise oder doch zumindest spaßhaft König der Juden genannt, und man ahnte nicht, was für, ein großes Stück Geschichte in diesen Worten steckt; die Geschichte ist eben nicht von. heute und nicht von gestern. Der Böswille und die Spottsucht suchen zuweilen auch unter den Juden selbst das „Opfer", das den spaßhaft klingenden, inhaltlosen Titel eines Königs von Jerusalem führen könnte; mächtige und einflußreiche Finanziers werden auf diese Weise, wie man glaubt, treffend und wohlverdient, ins Gerede genommen, nicht zuletzt die Mitglieder des Hauses Rothschild, denen das Gerücht eine Macht aufbürdet, die sie nicht besitzen. Was den Pariser Edmond von Rothschild betrifft, so wäre 'die Bezeichnung gar nicht übel angebracht, denn dieser Mann hat zu Zwecken der jüdischen Kolonisation Palästinas riesige Summen aufgebracht und hat auch wiederholt das Land bereist und ihm tätige Hilfe angedeihen lassen. Sein und vieler Genossen Werk ist nicht ins Wasser gefallen; eine mächtige Partei im Judentum strebt faktisch eine jüdische Vorherrschaft in Palästina an, und die Mächte sind einem solchen Projekt gar nicht unzugänglich; wer weiß nun, ob nicht in der Fülle der Zeiten wir in einem andern Sinne von einem König von Jerusalem sprechen werden, als wir es heute tun, wo uns das Ding teils spaßig, teils antiquiert vorkommt. DIE ERFORSCHUNG DER ALtEN SYNAGOGEN IN GALILÄA. Von Professor Dr. ing. Alfred Grotte in Breslau. Mehr denn je zuvor ist heute das Heilige Land in den Vordergrund des Interesses aller Gebildeten gerückt. Die politischen Umwälzungen, die der Krieg auch für Palästina zeitigte, die noch immer schwebenden Verhandlungen über den Anteil des jüdischen Volkes an seiner ehemaligen Heimat lassen dieses Land auch für jenen Teil der Judenheit bedeutsam und interessant erscheinen, der dem Zionismus indifferent oder feindlich gegenüberstand. Die Kenntnis Palästinas ist leider kaum über den Kreis der Anhänger zionistischer Ideen hinausgedrungen. Aber selbst diese, die das Heilige Land als ihre ureigene Domäne betrachteten, haben sich kaum mehr als in Wirtschaft-