Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Der König von Jerusalem
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 86 - 87 (sequence 1)
- Language
- German
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86 Der König von Jerusalem. 87 DER KONIG VON JERUSALEM. Von Prof. Dr. S. Krauss*Wien. Durch die Zeitungen ging jüngst die Nachricht, daß die Pariser Friedenskonferenz dem König von Italien das Mandat über die heiligen Orte in Palästina und Syrien übertragen habe. Dieser neueste Versuch — mehr als ein Versuch kann da nicht herauskommen —, dem Gezänk der Mächte, die Syrien und Palästina beherrschen wollen, ein Ende zu bereiten, wird damit begründet, daß der König von Italien, als ein Mitglied des Hauses Savoyen, ohnedies den Titel eines Königs von Jerusalem führe, zur Ausübung eines Protektorats also in den heiligen Stätten des Christentums das meiste Anrecht habe; der Vatikan freilich, der auch bessere Christen kenne, als es das freisinnige italienische Königshaus ist, müßte damit erst einverstanden sein. Wie mutet das nur so eigentümlich an, daß in einer Zeit des allgemeinen Umsturzes, da Reiche aufgelöst und Throne gestürzt werden, a^uf einen alten, verblaßten Titel zurückgegriffen wird, der Jahrhunderte hindurch! keinen realen Wert besaß und der Geschichte, diesem großen Museum von Merkwürdigkeiten, anzugehören schien. Zudem wird die lateinische Schwesternation, das auf alle Errungenschaften so eifersüchtige Frankreich, von dieser Lösung der Fragte nicht sehr erbaut sein, denn Jahrhunderte hindurch, seit Ludwig der Heilige im Jahre 1248 das letzte Kreuzheer nach Jerusalem geführt hatte, übte es ein Protektorat über die morgenländischen Christen aus, und somit galt Frankreich im ganzen Orient als die Vormacht des Christentums. Ein solches Vorrecht, ein solches Mittel des Prestiges büßt man nicht gern ein. Bis in die jüngste Zeit hinein konnte sich Franko reich auf dieses historische Recht berufen, wenn es sich, scheinbar zum Schutze der Christen, in Wirklichkeit aber aus ganz weltlich politischen Gründen, in die inneren Angelegenheiten der schwachen Türkei einmischen wollte. Frankreich ist freilich mittlerweile alles eher geworden als1 die „älteste Tochter" der Kirche, "und es hat auch keinen König mehr, der sich' den all erchristlichsten" nennen könnte, aber zu politischen Machtmitteln nahm es gerne die Dienste der Kirche auf und man tat so, als ob sich nichts geändert hätte. Wie drückt sich doch gerade in dem Ti,tel „König von Jerusalem" der Wandel der Zeiten aus! Nicht von dem alten biblischen Königtum wollen wir sprechen, von einem David, von einem Salome, die sich übrigens, staatsrechtlich gesprochen, für weit mehr hielten als bloß Könige von* Jerusalem, auch nicht von den Makkabäern, nicht von Herodes, nicht von all den fremden Potentaten, die in Jerusalem das Regiment geführt hätten, sondern von dem christlichen Königtum Jerusalem, das ja am ehesten zu den heutigen Bestrebungen und Machtansprüchen herüberleitet. Der Messias der Juden, obzwar als König (gedacht, hat mit der Sache nichts zu tun, auch Jesus nicht, obzwar ihn die ihn verhöhnenden Römer als König der Juden sterben ließen, wovon noch heute an unzähligen Kreuzen die Buchstaben I.N. R. I. (== Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum) Zeugnis ablegen; aber das alles ist Glaubenssache geblieben und hat sich in Politik nicht umgesetzt. Die Geschichte kennt noch so manchen Schwärmer, der, als Messias und Befreier der Juden auftretend, sich den Titel „IKönig der Juden" beigelegt hatte; sie verschwanden alsbald in der Kampfeshitze der realen Macht, die sich über sie warf, wie des Jonas Rizinus Strauch über Nacht dahinwelkte, als die Sonnenhitze in seine Blätter stach. „König von Jerusalem" ist ein Titel, den das romantische Mittelalter auf die Neuzeit verpflanzte. Ein eigenes christliches Königtum Jerusalem wurde gestiftet, als am 15. Juli 1099 die heilige Stadt von den Kreuzfahrern erobert wurde; ihr Anführer, Gottfried von Bouillon, ein tapferer französischer Ritter, saß zuerst auf diesem neugeschaffenen Throne, hernach sein Bruder Bai-' duin I., in dessen Familie die Würde erblich blieb. Der Regierungsantritt Balduins II. (1118) bezeichnet den Höhepunkt der abendländischen Macht im alten Jerusalem. Der neue Staat wurde ganz nach dem Muster der europäischen, in erster Reihe der fränkischen Staaten eingerichtet, was unter anderem besagen will, daß eine Anzahl anderer Fürsten dem Könige von Jerusalem unterstellt waren. Die angesehensten Kronvasallen waren um jene Zeit der Fürst von Antiochien, die Grafen von Edessa und Tripolis, der Fürst von Tiberias, der Graf von Joppe und Askalon und der Herr von Montroyal (eine Burg im alten Moab). Die genannten Orte bezeichnen ungefähr auch die Ausdehnung der christlichen Macht im Orient. Diese Macht konnte sich nicht lange halten; nach vielen und wechselvollen Kämpfen fiel Jerusalem und fast ganz Palästina im Jahre 1187 in die Hand der Sarazenen unter Sultan Saladin. Noch einige Jahre vorher hatte Amalrich, König von Jerusalem, den Mut, die Sarazenen in ihrem eigenen Lande, in Aegypten, anzugreifen, freilich ohne nennenswerten Erfolg, jetzt aber, nach dem Falle Jerusalems, mußte der letzte König aus Balduins Geschlecht, Guido von Lusignan, das Land verlassen und es für Cypern eintauschen; die Krone trat er 1193 an Heinrich von der Champagne ab; doch vermochte sich weder dieser noch seine Nachfolger Amalrich II. von Cypern und Johann von Brienne in Jerusalem Geltung zu verschaffen. Immerhin blieb die Krone von Jerusalem von da