Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Rahel Szalit-Marcus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 76 - 77 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584094-2584096-2606811--17791-2606855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
76 Erziehung zum Menschen. 77 RAHEL SZALIT-MARCUS Leipziger Straße denen der Glanz jeder Frische fehlt, Jünglinge und Mädchen, die die Freuden des Lebens nie kennen lernen, Männer und Frauen, die das Unglück und die Not zusammengeschmiedet, und Greise, die am Leben verzweifelt sind. Wie eine Offenbarung geht es durch das Schaffen der jungen Künstlerin. Die Töne, die ihr aus Perez, Scholem Alechem und aus all den vielen Seelenkündern der Ostjuden entgegen^ klingen, schlagen an ihr Herz. In wilder Begeisterung greift sie zum Stift und zur Feder und zeichnet die in ihrer Phantasie sich erhebenden Gestalten, nachschaffend und nacherlebend die Seelenstimmungen, die sie als Heimat* klänge empfindend in der Fremde deute licher zu vernehmen imstande ist als früher, da nunmehr ihre künstlerische Kraft mit angestachelt wird, um diesem Erlebnis Form und Gestalt zu geben. Und so wird denn die junge Künste lerin plötzlich auch zur Graphikerin von erstaunlicher Schlagkraft und Seelentiefe. Was sie bisher auf diesem Berlin Gebiete geschaffen, faßt sie selbst erst als Vorstufe zu weiteren Werken auf. In ganz kurzer Zeit haben sich ihre Mappen gefüllt. Aber das, was sie bergen, läßt erkennen, daß sie auf diesem Wege vorwärts schreitet und uns sicherlich Werke von bedeutendem Werte schenken wird. ERZIEHUNG ZUM MENSCHEN. „Habend sua fata libelli." — Aber das Schicksal bedeutender, sogar hervorragender, von Juden geschriebener Bücher ist, daß sie von Juden selten oder gar nicht gelesen oder gekannt werden. Ueber ein solches Buch, das ich bisher in keiner jüdischen Zeitschrift angezeigt odei .auch nur erwähnt gefunden habe, möchte ich hier sprechen, denn, obgleich es dem Anscheine nach nur für Fachmänner geschrieben ist, nämlich für Pädagogen, so ist es für jeden geistig Interessierten von hoher Wichtigkeit. Die Pädagogik ist sowohl eine Wissenschaft, wie eine Kunst. Aber nach beiden Richtungen hin beschäftigt sich der Laie nicht gern mit ihr, weil sie -ein wenig nach Kinderstube und nach Schulmeisterei zu riechen scheint. Man hält sie zum mindesten für langweilig. Indessen kommt es immer darauf an, wer das Thema behandelt, ob einer, der nur „fachsimpelt 4er nicht über die Grenzen seines Berufs hinaussieht, oder ein Mann von Geist und Welt, der weiß, daß sein „Fach", mag es an sich noch so bedeutsam und wichtig sein, doch nur eins der unzähligen „Fächer" ist, aus denen sich Üer unermeßlich mannigfache und unerschöpflich reiche Schrein cles menschlichen Geisteslebens zusammensetzt. Es kommt auch RAHEL SZALIT-MARCUS Leipziger Platz Berlin