Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1920)
- Article
- Rahel Szalit-Marcus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 74 - 75 (sequence 1)
- Language
- German
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74 Rahel Szalit- Marcus. 73 RAHEL SZALIT-MARCUS Von Dr. Karl Schwarz. Man mag über die verschiedenen Kunstrichtungen, die sich in unseren Tagen befehden, und die um die Vorherrschaft kämpfen, denken wie man will; selbst der eingefleischteste Verehrer des Expressionismus wird zugestehen müssen, daß der momentane Effekt, das Blitzartige und Visionäre impressionistischer Darstellung in ihrer Frische und Zufälligkeit etwas Faszinierendes besitzt, das auf jeden Beschauer einer derartigen Darstellung unwillkürlich überspring gen muß. Oftmals muten uns solche Werke durch das resolute Zupacken und skrupellose Hin* setzen verwegener Striche seltsam an, sodaß das Auge festgebannt wird und nicht loskommt von der Erscheinung, die, durch Künstlerhand fest* gehalten, nicht wie im Ablaufe des natürlichen Widerspiels unter un* seren Blicken zu zer* rinnen droht. Man sehe sich dar* aufhin die kleinen Bild* chen der jungen Künst* lerin Rahel Szalit an. Man stelle sich mit ihr auf den Potsdamer Platz und blicke hinein in das Gewoge der Leipziger Straße, wo sich hinter einem grünen Fleck des Leipziger Platzes die Steinmauern desWertheimschenWarenhauses erheben und dicht gedrängt Giebel an Giebel sich reiht, wo aus dem Schlünde der Straße die elektrischen Bahnen her* auskriechen und ein einsames Fuhrwerk pfeilschnell über den Platz huscht, so empfindet man bei einer solchen Darstellung das Leben und Gewoge und hört aus ihr das dumpfe Dröhnen der ge* waltigen Großstadt, die in steter Bewegung nie* mals zur Ruhe kommt und ohn' Unterlaß von dem Gewoge unruhvollen Lebens hin* und hergepeitscht wird. Nicht viel anders die zweite Darstellung, wo wir noch tiefer in das Straßenbild hineinschauen und sich alles in Bewegung auflöst, ohne daß es uns möglich wäre, das einzelne Objekt zu er* haschen. — So erheben sich die Bilder weit über das Niveau von Situationsdarstellungen und werden RAHEL SZALIT-MARCUS In der Kälte zu Erlebnissen, die wir, durch das Temperament des Künstlers gesehen, nachempfinden und mhv fühlen. Und wenn uns die Künstlerin hinausführt im die stille Natur, wo der Schnee lastend auf den Zweigen ruht und alles eingehüllt ist in die flockige Decke eines weißen Winterkleides, so löst sich hier eine traumhafte Stimmung, durch die leise der winterliche Hauch weht„ dessen eisige Kälte alle Glieder des Weltenorga^ nismus erstarren läßt. Und schaut nur hinein in die kleine Stube,, da auf dem Stuhle ein Knabe sitzt, vor ihm ein Tischlein mit einem Blu* mentopf, zur Seite eine Komode mit einer Kanne und einer Vase. Nichts von Bedeutung in diesem Bilde, nichts von irgend einer Handlung, die un* sere Blicke abziehen könnte; und doch eine eigenartige Stimmung,, voller Innerlichkeit, Be*^ haglichkeit und Wohn*= lichkeit; denn die Sonne* die durch die Scheiben dringt und ihre Strahlen? über diese Gegenstände huschen läßt, flößt ihnen Leben ein und gibt dem Räume Wärme, so daß Berlin es sich gut sein läßt in ihm und man es wohl versteht, wie der Kleine, behaglich in seinem Stuhle sitzend, im Augenblick nichts weiter genießt, als ein stummes Dasein, genau wie die Gegenstände,, die das Bild uns zeigt. Rahel Szalit hatte bis vor kurzem nur gemalt. Sie hatte ihre Motive fast nur im Landschaftlichen gesucht. Ein Zufall brachte sie auf das Gebiet der Graphik. Das große Erlebnis östlicher Erzählerkunst erweckte in ihr den Wunsch, die Gestalten dieser Dichter künstlerisch nachzuschaffen. In ihr erwachten Kindheitsreminiszenzen, da in ihr wieder die Menschen erstanden, die dort im Osten ihr kümmerliches Dasein fristen, abgehärmte, abgejagte, zerschlissene Gesichter, furchtsame, geduckte Ge* stalten, müden, traurigenBlickes sich dahinschleppend,. in zerlumpten Gewändern und dunklen Behausungen, ärmlichen Gassen und traurigen Stadtteilen. Kinder*