Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Aus den Wundergärten der Aggada
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 53 - 54 (sequence 1)
- Language
- German
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53 Aus den Wundergärten der Aggada. 54 AUS DEN WUNDERGAERTEN DER AGGADA. D'er Streit für Gott. „Als Gott sali, daß die Schlechtigkeit der Menschen so groß war... da trauerte ieir in seinem Herzen." Ein Heide sagte zu Rabbi Josua ben Karehah: Behauptet ihr nicht, daß Gott die Zukunft kennt? — Jawohl! — Weswegen trauerte er also? Warum hat er nicht vorausgesehen, was kommen würde? — Antwortete Rabbi Josua: Ist dir jemals1 ein Sohn geboren worden? — Jawohl. — Was tatest du an jenem Tage? — Ich freiute mich und erfreute alle anderen. — Wußtest du denn nicht, daß er schließlich sterben muß? Aber, aus freudigem Anlaß freut man sich, aus traurigem trauert man. So hat es Gott eingerichtet. * Eine Miatrone fragte einmal Rabbi Jose ben Chalaphtha: Wie lange dauerte es, daß Gott die Welt erschuf? — Sechs Tage. — Na, was tut Gott seither? — Elr sitzt da und sucht die Menschenpaare aus, die teir für einander zu Gatten bestimmen will. Die Tochter dieses Miannes1 da soll die Gattin jenes Mannes dort werden. ■— Ei, das ist also siein Tun? Dasl kann ich ja auch. Ich habe zahlreiche Sklaven und Slavinnein — in einem kurzen Stündchen kann ich sie mit einander zusammenbringen. — Bei dir, Herrin, ist das eine leichte Sache, aber bei Gott gilt sie als schwierig, wie die Spaltung des Schilfmeeres, Und er muß sich selber mit ihr befassen. Rabbi Jose wandte sich ab und ging seine Wege. Was tat nun die Matrone? Sie nahm tausend Sklaven und tausend Sklavinnen und stellte sie in Reihen auf und befahl: Dieser Mann da wird der Gatte jener Frau dort, und diese Frau da wird die Gattin jenes Miannes dort. Sie hatte sie nun zusammengepaart. Am nächsten Morgen kamen sie alle zu ihr. Diem einen war der Kopf wundgeschlagen, der andere hatte ein ausgedrücktes Aüge, der eine hatte einen verrenkten Arm, der andere einen gebrochenen Füß. — Was ist mit euch los? fragte die Herrin. Ich will sie nicht zur Frau, sprach der eine; ich mag ihn nicht zum Manne haben, sprach die andere. Nun ließ die Matrone Rabbi Jose zu sich bitten und sagte: Rabbi, eure Thora ist die Wahrheit. Du hast schön und weise gesprochen. Rabbi Berachjah überlieferte, daß Rabbi Josie jener Matrone gesagt hattet: Gott sitzt da und fertigt die Leitern an, auf denen die einen Menschen und Völker in die Höhe klettern und die andern in die Tiefe steigen. * Hadrianus, Kaiser von Rom, hatte die ganze Welt erobert und tarn in seine Hauptstadt heim und sprach zu den großen Herren seines Hofes!: Ich fordere, daß ihr mich zum Gott ausruft, da ich die 'ganze Welt erobert habe. Sagten die Herren zum Kaiser: Noch hast du nicht Gottes Stadt und Gottes Haus überwältigt. Der Kaiser ging "hin, zerstörte den Tempel, schickte Israel in die Verbannung und kam zurück nach Rem. Sprach der Kaiser zu den großen Heirren: Nun habe ich seine Stadt zerstört, seinen Tempel verbrannt, sein Volk in die Verbannung getrieben,, Jmacht mich zum Gott. Rabbi Barachjah erzjä,hlt: Kaiser Hadrianus hatte drei Philosophen üm sich. Der eine sagte zu ihm : Es geht nicht an, daß einer sich izum neuen Kaiser .ausrufen läßt innerhalb des Palastes, der dem alten Kaiser gehört, nur draußen kann er das 'tun; willst du zum Gott ausgerufen werden, mußt, du aus Gottes Palast hinausgehen. Himmel und Erde 'hat er erschaffen, geh aus Himmel ünd Erde hinaus, dann kannst du dich als Gott .anbeten lassen. Der andere Philosoph sprach: Gib dir keine Mühe, Kaiser, alles ist vergebens, denn Gott hat zu seinen Propheten gesagt: „Alle Götterwesen, die Himmel ünd Erde nicht erschaffen haben, werden rversöhwinden.'' Endlich sagte der dritte Philosoph: Mein Herr ünd Kaiser, stehe, mir bei in dieser Stunde. — Worin kann ich dir helfen? fragte der Kaiser. — Ich habe ein Schiff auf dem Meere, drei |Meilen Weit vom Ufer. Auf dem Schiff befindet sich meine ganze Habe, ünd es kämpft jetzt mit Sturm und Wogen, die es zu sziertrümmern drohen. — Der Kaiser sprach: Ich schicke auf der Stelle nueine Legion und meine ganze Flotte deinem Schiff zu Hilfe. — Da sagte der Philosoph: Miein Herr und Kaiser, wozu willst du deine Legionen und deine Flottebemühen? Schicke doch ein kleines Windchen hin und rette das Schiff. — Wie soll ich dem Winde gebieten? rief der Kaiser. — Nicht einmal ein kleines 'Windchen kannst du in Bewegung setzen, und an Gottes Statt willst du angebetet werden, Gottes, von dem gesagt ist: „So spricht der ewige Gott, der die Himmel geschaffen ünd ausgespannt hat, der dem] Volke auf ihr eine Seele eingehaucht und den Geist gegeben hat denen, die auf ihr wandeln?" Da begab sich der Kaiser in seine Gemächer und war unwillig. Seine Frau aber sprach zu ihm : Die Leute haben dich irregeführt, indem sie dir einredeten, du könntest an Gottes Statt angebetet werden. Du bist ein 'großer und heldenhafter Kaiser ünd gebietest über eine unbesdhränkte Macht. Nun will ich dir eins sagen. Versuche doch, ihm! den Schatz zurückzugeben, den er dir anvertraut hat, dann kannst du an seiner Stelle Gott werden. — Was ist das für ein Schatz? fragte der Kaiser. — Die Seele! — Wenn meine Seele von mir geh£, was soll ich dann anfangen? — Siehst du, sprach die Kaiserin, über die Seele, die in.