Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 51 - 52

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Schwüre und Gelübde, deren Heiligkeit und deren Auflösung nach jüdische Lehre
Date
1920-01-01
Page
Seite 51 - 52 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584094-2584095-2606747--17769-2606798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

51 Schwüre und Gelübde, deren Heiligkeit und deren Auflösung nach jüdischer Lehre. 52 habe nun acht verschiedene Ausgaben dieser Uebersetzungen, die zum Gebrauche des jüdischen Volkes hergestellt sind, verglichen, sehr alte, die von mittelhochdeutschen Wendungen wimmeln, neuere und neueste. In keiner fehlt die Uebersetzung der genannten zwei Wörter „al naphschathana". In einer, wahrscheinlich aus dem 15. Jahrhundert stammenden, heißt es: „daz mir wem schwern um daz mir wern machen cherem un daz mir wem machen issurim auf unsere leib er (Leib Person)." In den späteren heißt es übereinstimmend: „wus mir wehrn machrim sein ün wus mir wehrn assern auf ünz." In einer der neuesten (Wilna 1909) heißt es, dem litauischen Sprachgebrauch entsprechend: „un dos, wos mir wehrn schwern un dos, wos mir wehrn ossur machen auf sich." Wie ist es zugegangen, daß diese wichtige Formel, die in keiner Uebersetzung fehlt, aus der des Antisemiten-Katechismus verschwunden ist? Wo sind die Quellen, aus denen der Uebersetzer die Ermächtigung' geschöpft hat, mit dem Urtext so zu verfahren? Rein wissenschaftlich ist eine solche Behandlung historischer Texte ein frevlerischer Leichtsinn; und erst wenn man ein so zugerichtetes Dokument nicht als akademische Spielerei, sondern als Basis für eine furchtbare, diffamierende Anklage benutzt, so ist das mindestens eine unerhörte Gewissenlosigkeit, wenn nicht noch was Schlimmeres. Und der Herr Prof. Groß, Lehrer der Rechtswissenschaft, breitet über die Missetat der Herren Fritsch und Schütze den mit einer wissenschaftlichen Floskel verbrämten Mantel der christlichen Liebe und bemerkt: „Auf die Worte: ,für unsere eigene Person' darf kein Gewicht gelegt werden; dies kann nur sprachlich konstruktive Form sein; schwören, geloben und Gelübde machen kann man ja immer nur für seine eigene Person." ' Also sprach Rabbenu Groß. — Ach, wie so ganz verschieden vom Rabbenu Tham! Groß „pask'ent" hier eine Halacha im schärfsten Widerspruch zu allen unseren Autoritäten, von Mose bis auf den heutigen Tag. Wir werden fürderhin wissen, woran wir uns zu halten haben. Nicht ohne Rührung können wir auf die Geschichte dieses vielgehetzten Kol Nidre zurückschauen. Ein unbekannter Verfasser hat es in die Welt gesetzt, um einer edlen Mahnung des naiven Volksgewissens zu genügen und in voller Uebereinstimmung mit den Vorschriften des Gesetzes. Aber die offiziellen Häupter des Volkes haben es scheel angesehen und bekämpft, und wohl darum ist es nicht allenthalben aufgenommen worden (Zunz: „Ritus'" 106). Es hat sich wie zum Trotz durchgesetzt und ist sogar in eine unvergleichlich schöne Melodie gekleidet worden, die das Entzücken großer, auch nichtjüdischer Musiker erregt hat. Aber dieser Gegensatz zwischen dem prosaischen Inhalt und dem hochpoetischen Gewand hat so manchen von uns Beifall spenden lassen, als in neuester Zeit die Reformbestrebungen es aus dem Gebetbuch entfernten und durch Psalmen oder Lieder ersetzten. Doch die Reform wollte damit nur einen Stein des Anstoßes, eine1 Zielscheibe für die Antisemiten beseitigen. Welch ein Mißgriff! Welch ein naiver Irrtum, zu meinen, dieses Gelichter wolle nichts anderes, als unsere Gesinnungen reinigen und unsere Herzen läutern und unsere Moral heben! Welch eine Torheit, zu wähnen, nach Beseitigung des Vorwandes würden die Angriffe und Verleumdungen verstummen. Und welch ein Kleinmut, dem wüsten Gekläff unwissender, böswilliger und beschränkter Feinde einen Einfluß zu gestatten auf unser inneres religiöses Leben und die Gestaltung unseres Gottesdienstes! Heißt es nicht, den wahren Sinn des Kol Nidre verleugnen und die Ehre unserer Vorfahren antasten, wenn wir den alten Ritus preisgeben, um einer albernen Bezichtigung zu entgehen? Müßten wir nicht auch das Pessachfest abschaffen, um die Blutbeschuldigung! unmöglich zu machen? Nein! Gleichwie ein gewöhnliches Stück Seidengewebe durch die feindlichen Geschosse, die es durchbohrten, dje Weihe eines Paniers, erhält, so ist das unpoetische, saftlose Kol Nidre dank den Angriffen, denen (es ausgesetzt ist, und den Verleumdungen, die wir seinetwegen zu tragen haben, zum Symbol geworden. Wir wollen es auch fernerhin in unseren Synagogen erschallen lassen, getragen von der einzigartigen Melodie, in welche dreißig Generationen ihre Sehnsucht und ihr Herzweh hineingesungen haben. Und mahnen sollen uns die ergreifenden Klänge, uns fernzuhalten von unlauterer Gesinnung, von übler Nachrede, von grundlosem Haß, von jeglicher Lieblosigkeit im Fühlen und im Handeln, und von bösen Worten, denn niemand weiß ja besser, wie bitter weh das tut, als wir. Ich fühle mich wahrlich nicht berufen, anderen Frömmigkeit zu predigen, da ich selber in diesem Punkte sehr mangelhaft ausgestattet bin. Aber ich sage Euch: Schafft meinetwegen alle langatmigen Pijjutim ab .und alle Selichoth von schwerfälligem Hebräisch und dumpfen Reimen und unrhythmischen Versen, ich werde ihnen keine Träne nachweinen. Aber das Kol Nidre sollt Ihr mir „lassen stahn"!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.