Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Der jüdische Radikalismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 1)
- Language
- German
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23 Der jüdische Radikalismus. 24 DER JUDISCHE RADIKALISMUS. Von Spectator. NEUE UND ALTE ANKLAGEN. geht eine große Anklage durch die Welt: die Juden zerstören die bürgerliche Gesellschaftsordnung; die Juden untergraben die Monarchie; die Juden vernichten die Grundlage des Staates; die Juden haben die Revolution gemacht; die Juden sind der Umsturz; die Juden sind der Bolschewismus; die Juden sind eine Gefahr für die europäische Kultur. Als im Jahre 1349 die schwarze Pest wütete und zahllose Opfer forderte, wurden die Juden beschuldigt, in die Brunnen ein Pülverchen gestreut zu haben, das das Wasser vergiftete und der christlichen Bevölkerung den Tod brachte. Die Juden wurden zu Tausenden niedergemetzelt, gerädert, verbrannt, vertrieben. Der ziemlich naheliegende Einwand, daß ja die Juden aus denselben Brunnen tranken, kam anfangs niemandem in den Sinn. Als die Juden ihn zu ihrer Verteidigung geltend machten, wurde ihnen entgegengehalten, sie verstünden das Hexen und besäßen ein geheimes Zaubermittel gegen das Gift, das also nur die Gojim hinwegraffte, während die Giftmischer verschont blieben. Es ist schwer, die Analogie zu verkennen, die zwischen dem Jahr 1349 und dem Jahr 1919 herrscht.. Nur ist die Anklage von vor 570 Jahren mit dem Schwinden des Hexenglaubens endlich verstummt, während die jetzige alle Aussicht hat, sich festzusetzen, sich einzubohren, sie wird von allen, die ein Interesse daran haben, den Völkern Europas mit Macht eingehämmert, und es besteht die Gefahr, daß sie zu einem stehenden Glaubensartikel wird, der durch die Jahrhunderte geht und noch unsern fernsten Nachkommen zum Unheil gereicht, gleich wie die Behauptung, die Juden hätten den Gottmenschen gekreuzigt und dabei gerufen: ,,vSein Blut komme über uns und unsere Kinder!" oder, die Pharisäer seien der Ausbund aller Heuchelei und Niedertracht gewesen, oder, daß wir zum Osterfest ein christliches Kindlein schlachten und sein Blut in oinsere Mazzoth kneten und in unseren Wein schütten. Historische Lügen sind von einer ungeheuren Zähigkeit und überleben die Jahrhunderte. Sie werden förmlich zu Denkgewohnheiten ganzer Völker und Schichten. Das ist selbst bei solchen Lügen der Fall, die sich nur dadurch empfehlen, daß sie die Phantasie anregen, das angenehme Gruseln wecken und das allzumenschliche Bedürfnis der Medisance befriedigen. Wie erst, wenn gewisse mächtige Gruppen ein Interesse daran haben, die Lügen zu Verbreiten und auszubauen! Es ist daher unsere Pflicht, rechtzeitig, während die Lüge sich sozusagen noch in statu nascendi befindet, ihr auf den Grund zu gehen, die Tatsachen, der sie die Entstehung verdankt und die ihr als Vorwand dienen, zu analysieren und auf das wirkliche Maß zurückzuführen, das Absichtliche der Uebertreibungen und Aufbauschungen nachzuweisen und keine Anstrengung zu scheuen, um die Kulturwelt zu überzeugen, daß ihr hier eine bösartige Mär aufgebunden wird. Sonst machen wir uns einer argen Unterlassungssünde schuldig, an deren Folgen wir selber und noch unsere Nachkommen schwer zu tragen haben werden. Die Anklage, daß die Juden „von Natur'* dem Radikalismus im politischen Leben huldigen, ist in Deutschland und Oesterreich während der auf den Wiener Kongreß folgenden Reaktionsepoche erhoben worden. Die französische Revolution und ihr Erbe, Napoleon, hatten die bürgerliche und politische Gleichstellung der Juden in ihrem ganzen Machtbereich durchgeführt, obgleich die Idee der Emanzipation von Berlin ausgegangen war, von Lessing, Mendelssohn, Dohm, Friedländer verfochten. Die Reaktion hatte die Gleichberechtigung der Juden in den meisten Gebieten wieder aufgehoben oder auf ein lächerliches Mindestmaß beschränkt. Der in den dreißiger und vierziger Jahren erwachende Liberalismus hatte sie auf seine Fahne geschrieben. Sie lagnaturgemäß in seinem Programm, bildete einen organischen Bestandteil seiner Weltanschauung- und seiner politischen Ideen, aber sie widersprach keineswegs dem konservativen Prinzip. Die Konservativen aller Schattierungen hätten die völlige Gleichberechtigung der Juden fordern können, ohne ihren Grundsätzen Zwang anzutun, ohne auch nur ein Jota von ihren Lehren zu verleugnen. Die Emanzipation der Juden verträgt sich sogar mit der Lehre vom ,,christlichen Staat'v sehr wohl, denn ein christlicher Staat braucht doch nicht alle NichtChristen in seiner "Mitte in ewiger Rechtlosigkeit zu halten. Hätte es sich in einem christlichen Staat z. B. um Mohammedaner gehandelt, die anderwärts mächtige Gemeinwesen bilden, mit denen man rechnen muß, so hätten die Anhänger der „christlichen Staatslehre" nicht gezögert, sie auf gleichem Fuße mit den christlichen Staatsbürgern zu behandeln, und sie hätten sich in ihrem christlichen Gewissen nicht im geringsten beengt gefühlt. Aber die Juden waren weltpolitisch eine quantite negligeable, und im Innern bildeten sie das bequemste Element für die Betätigung des Unterdrückung-s- und Mißhandlungsbedürfnisses, das allen „Herrennaturen" innewohnt. Die Konservativen, die die Grundherrenschicht repräsentierten, in der die alten Raubritter- und Bauernlegerinsitinkte fortlebten, sträubten sich dagegen, den jüdischen Paria auf einmal als 'gleichberechtigten Bürger anzuerkennen. So kam es, daß die Judenemanzipation zum Streitpunkt zwischen Liberalismus und Konservativismus wurde. Die Konservativen des Kontinents sind, im Gegensatz zu den englischen, engherzig und borniert. Man bedenke z. B., wie die englischen Konservativen es verstanden haben, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts grundlegende Reformen, wie die des Wahlrechtes, unter Vermeidung jeglicher gewaltsamen Erschütterungen durchzuführen, während die preußischen noch im Hochsommer 1918 hartnäckig am Dreiklassenwahlrecht festhielten, bis der Zusammenbruch kam. In England haben denn auch die Konservativen der Judenemanzipation keinen Widerstand entgegengesetzt, zum Teil sogar selber sie in die Hand genommen, während sie sie in Deutschland und Oesterreich mit aller Macht bekämpften, ja sie haben sich mit ihr im Grunde bis auf den