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Ost und West · 1920-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1920) · p. Seite 21 - 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
20 (1920)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
Article
Lesser Ury
Date
1920-01-01
Page
Seite 21 - 22 (sequence 3)
Language
German
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21 Lesser Ury. 22 darzustellen wie den duftenden Blumenstrauß, der in voller Farbentracht erscheint. Seine Landschaften erzählen von den stillen Wegen der Natur, von Blätterrauschen und Quellengemurmel, von einsam men, traumverlorenen Winkeln und sonst wenig beachteten Landstrichen. Er durchquert die Groß* Stadt und zeigt sie uns in den mannigfaltigsten Aeußerungen. Verqualmte Cafes, regentriefende Straßen mit dahinrasenden Fuhrwerken, hastende Menschen, dahinflanierende Dämchen, — kurzum: das ganze buntschillernde und durcheinander* gewürfelte Leben, im goldenen Sonnenschein und trüben Lichte matt leuchtender Laternen. Wollten wir aber den Künstler nur von dieser Seite aus betrachten, so würden wir ihm nur zum kleinen Teile gerecht werden. Was sich in dieser verschlossenen Seele abspielt, ist mehr als das In* sichaufnehmen der ihn umgebenden Natur. Sein tiefbohrender Geist führt ihn zu den schwierigsten Problemen und dem Urgründe der Menschheit, da «r in den gewaltigen Gestalten der Bibel die Repräsentanten eines idealen und titanenhaften Menschengeschlechtes erblickt, die seine Feuerseele in visionärer Größe vor unsere erstaunten Augen zaubert, und in denen er uns das Bild des Brandenden und unruhvoll Schäumenden seines Geistes zeigt. In ihnen offenbart sich das Walten Gottes, aus ihnen dröhnt die Stimme des Herrn, so daß wir LESSER URY Dame mit Kind Berlin (Radierung) LESSER URY Straße mit Bäumen Berlin (Radierung) vor ihnen erschauern und die Allgewalt der Worte zu verspüren meinen, die uns das Buch der Bücher verkündet. Jeremias, die Verkörperung menschlichen Haders und seelischer Qualen, der sich wie ein Wurm am Boden krümmt, gramdurchfurchten Gesichtes und mit vor Entsetzen finster drein* blickenden Augen, in sich die ganze Tragik des Menschengeschlechtes bergend, keine Ruh noch Rast mehr findend, liegt wie ein Zyklop auf der umdüsterten Weltenkugel, ein Anblick des Jammers und der Verzweiflung. — Moses, der von Gott Begeisterte, steigt vom Berge herab und weist auf die die Verkündigung enthaltenden Tafeln, die er in seinen Armen hält. — Der junge David, in blindem Gottvertrauen, nicht zurückschreckend vor den größten Gefahren, der zum Sieger über den Titanen wird, erhebt sein unschuldiges Kinder* gesicht zum Himmel, von dem ihm Glück und Kraft zu ungeahnten Taten wird. So führt uns der Künstler in seinen symbolischen Gestalten durch die Geschichte menschlichen Seelen* kampfes und wird zum Deuter und Ausleger derjenigen Probleme, die zu den gewaltigsten und erhabensten zählen. Jeder Strich seiner Blätter ist zum Erlebnis verdichtet. Was er uns in ihnen sagt, ist tiefe Lebenserfahrung, ausgedrückt durch die Mittel einer reifen Meisterschaft.

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