Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 20 (1920)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1920)
- Article
- Lesser Ury
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 19 - 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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19 Lesser Ury. 20 LESSER URY Moses mit den Gesetzestafeln Berlin (Radierung) in den letzten Jahren ungeheure Triumphe gefeiert hat, plötzlich die Wendung zu neuen technischen Ausdrucksmitteln finden. Ury, der bereits am Ende des fünften Dezenniums steht, ist nun auch unter die Graphiker gegangen. Mit jugendlicher Frische und staunenswerter Energie, mit einer Elastizität sondergleichen hat er sich der Schwarzweißkunst zugewandt und in kurzer Zeit bereits eine Fülle von Blättern geschaffen, die von der souveränen Beherrschung aller technischen Mittel Zeugnis ablegen und den Künstler, der bisher nur mit dem Pinsel gearbeitet hat, auch als einen Meister des Stiftes und der Nadel erkennen lassen. Vor allem sind es Lithographien, in denen er das fluktuierende Licht und Bewegte der Natur zu ungeahnter Wirkung zu bringen und diesen Blättern einen Reiz zu geben versteht, den wir bei anderen Künstlern ver* geblich suchen. Das, was er in seinen Gemälden so meisterhaft zum Ausdruck bringt, finden wir hier in konzentrierter Form wieder. Der Impressionismus, zu dessen bedeutendsten Vertretern er gehört, wird bei ihm zum Erlebnis; seine Kunst ist weit mehr als das nach einem bestimmten Verfahren zum Ausdruck Gebrachte der sichtbaren Welt. Es drängt ihn vielmehr, die Erscheinung so gründlich zu erfassen und ihre Wesensart darzustellen* daß all* die Dinge, die seine Hand niederschreibt, zu einem durch seine tiefe, empfindsame Seele geschauten, individuellen Erlebnis werden. Mag es das banalste Straßenbild sein, da in trübem Lichte die Menschen fröstelnd vorbeihuschen, eine Elektrische dahinsaust oder Pferde auf dem nassen Asphalt daherstampfen,. oder eine Szene aus dem Cafehaus, in dem irgend* ein Spießer über die Zeitung gebückt dasitzt und seine Zigarre schmaucht, mag es ein schnell auf* gefangenes Bild sein, da ein Pärchen unbeobachtet durch den Park schreitet,— immer wird die Darstellung zu einem Bilde von faszinierender Wirkung. Das, was wir in diesen Blättern sehen, ist nicht nur das momentane Bild, der Augenblickseffekt, wie wir es bei den anderen Künstlern des Impres* sionismus gewohnt sind, es ist nicht das Vorurteils* lose Sehen, das die Natur so gibt, wie sie dem Auge erscheint, sondern die Natur, gesehen durch das Auge des Künstlers, der sie erlebt und erkannt hat, der mit ihr in den leisesten Regungen fühlt und sie sich in allen Ausdrucksmöglichkeiten zu eigen gemacht hat. Ury geht als stiller Beobachter durch die Welt. Sein Leben ist ein einsames und eigenartiges; doch er ist kein Eigenbrödler und Sonderling, der traumhaft und mit verschlossenen Augen dahinlebt; vielmehr ein Mensch, den die Schönheit der Natur schweigen macht, und den es immer wieder aufs Neue dazu drängt, das, was er von dem Wechsel* vollen Widerspiel aller Erscheinungen in sich aufnimmt, künstlerisch zum Ausdrucke zu bringen. So gibt es denn nichts Unwichtiges für ihn, nichts, was ihm zu kleinlich oder unbedeutend erschiene, um mit der ihm innewohnenden Begeisterung an? gepackt zu werden. Der kleine Grashalm, der am Wegesrain sprießt, die bescheidene Wiesenblume und die dürftige Hecke weiß er ebenso lebensvoll LESSER URY Der junge David Berlin (Radierung)