Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 415 - 416

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Aus den Wundergärten der Aggada
Date
1918-11-01
Page
Seite 415 - 416 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584078-2584086-2606676--17299-2606719
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

415 Die Schaffnerin. 41b der Kaiser. — Nun, so sag' mir, w'o hält sich deine Seele auf? — Das weiß ich' nicht! — Sieh nun, sprach Rabban Gamliel, von der Seele, die Tag und Nacht in dir ist, weißt du nicht, wo sie sich befindet, wie soll ein Sterblicher wissen, wo sich Gott befindet, der über allen Himmeln thront? * Ein andermal sprach der Kaiser zu Eabban Gamliel: Ihr Juden sagt: (jeberall, wo Zehn zu einem frommen Tun versammelt sind, weilt die Schechinah' unter ihnen. Wie viele Schechinoth gibt es denn? Rabban Gamliel rief seinen Leibdiener und versetzte ihm einen Schlag auf den Nacken. „"Warum das?" fragte der Diener. „"Weil f die Sonne ins Gemach eingedrungen ist." Der Kaiser bemerkte: „Die iSonne scheint ja über die ganze "Welt." „"Wenn die Sonne, .einer von den Millionen und Milliarden Dienern Gottes, zu gleicher Zeit über die ganze Welt scheinen kann, um wieviel eher die Schechinah Gottes selber. * Ein 'Min1) fragte einmal Rabbi Meir: Der, von dem es heißt: „Ich bin es, der Himmel und *) Minim waren verschiedenartige Sektierer, Anhänger verschiedener philosophischer Eichtungen, die mehr oder weniger die Grundlehren der jüdischen Religion leugneten. Erde füllt," der soll sich zwischen den beiden Tragstangen 'der heiligen Lade im Stiftszelt niedergelassen und von dort aus zu Mose gesprochen haben? Sprach Rabbi Meir: Bring' einen vergrößernden .Spiegel her. i— Er brachte einen vergrößernden Spiegel. — Blick auf' dein Spiegelbild. Wie ist es? — Groß, antwortete der Min. — Jetzt bring' einen verkleinernden Spiegel und sieh, wie schaut dein Spiegelbild aus? — Klein. — Nun sag' selber, versetzte 'Rabbi Meir, du, ein sterblicher Mensch, kannst die Größe deines Spiegelbildes ändern je nach Gefallen, und der, der mit seinem "Worte die "Welt geschaffen hat, sollte das" nicht können? Merke 'also, wenn er will, erfüllt er die Himmel und die Erde, und wenn er will, spricht er mit Mose von dem Raum zwischen den beiden Tragstangen der heiligen Lade aus. * Rab Chanina bar Asse sagte: Zuweilen faßt das Weltall und seine Eülle nicht die ganze Macht seiner Göttlichkeit, und zuweilen spricht er zu dem Menschen aus dessen Haupthaar. * Wir lernten:' Rabbi Jose sagte: Nie ist Gott auf Erden herabgestiegen, noch ist je Mose .oder Eliah in den Himmel hinaufgestiegen. (Was in der heiligen Schrift darüber steht, ist nur bildlich zu verstehen.) Denn so heißt es: „Die Himmel sind Gottes, die Erde aber hat er den Menschen zugeteilt."- DIE SCHAFFNERIN. Von Jehuda Ar je. In der Halle des Friedhofes ist es kalt. Lang* sam kommen die Leute. Die Leichenfrauen treten aus der Totenkammer. Der Vorsteher der Beerdi* gungsbrüderschaft mustert den Raum — er blickt auf die Uhr. „Noch zehn Minuten. Wenn der Rabbiner nur nicht zu lange spricht! Bei der Kälte! Ich muß auch dem Chasen sagen, er soll nicht gar zu lang machen!" Er wendet sich zu den Frauen. „Ich bitt* Sie, wer war das! Draußen seh ich so viele Schaffnerinnen von der Straßen* bahn!" — „Ja, sie war Schaffnerin!" — „So? Eine jüdische Schaffnerin?" —„Ja, auf .der 23 ist sie ge* fahren! Immer da zum Hauptbahnhof über den Postplatz —" „So, dort?" — Im Geist durchmißt er die Strecke. Und wiederholt: „Also dort, die 23?" Etwas steigt auf in ihm. Er ist Kaufmann, durch und durch Kaufmann, er ist aus der Klein* Stadt hierher gewandert, hat im Haschen nach Geld in rastloser Jagd immer mehr von seiner Frömmigkeit aufgegeben, aber auf das Ehrenamt des Chewre — Gabbe mochte er nicht verzichten. Hier ist er noch an sein Judentum gefesselt, hier das Gegengewicht gegen sein tägliches Streben. Hier ist kein Geschäft, hier ist „Mizwe". Wenn* gleich die Eile ihm in den Gliedern steckt, wenn er Kantoren, Prediger, Leichenwärter gern geschäftig „prompt" und „akkurat" sieht, wenn es ihm nur darauf ankommt, daß da draußen „alles klappt", — er ist sich aber seiner Würde bewußt und hält an seinem Ehrenamte fest „Sind Kinder da?" Ja, zwei Mädels und ein Junge, alles noch in der Schule!" — „Und der Mann?" „Ein Tunichtgut", mischt sich der alte Diener der Beerdigungsbrüder* schart in das Gespräch. „Er hat sie vor Jahren sitzen lassen, mit den Kindern, mit allem, und ist auf und davon! Sie hat ein Geschäft gehabt, einen offenen Laden, mit Wäsche, da in der Amalienstraße — und jetzt — ich bitt' Sie im Krieg — hat sie zu* sperren müssen. Und ist zur Elektrischen". — „Ach verzeihen Sie", unterbricht eine Stimme. Es ist der Oberkontrolleur in Uniform. „Wird hier unsere Schaffnerin, Frau Schwarz, beerdigt?" — „Jawohl, gleich V212!" „Danke sehr!" — „Aber ich bitte Sie, den Hut hier aufzusetzen." Der Mann wird verlegen. „Es ist üblich bei Juden!" Der Vorsteher fühlt sich in seiner Würde. Erstens als

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.