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Ost und West · 1918-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1918) · p. Seite 401 - 402

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
Article
Jüdisches Heldentum
Date
1918-11-01
Page
Seite 401 - 402 (sequence 2)
Language
German
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401 Jüdisches Heldentum. 402 Idee hier in den Personen verkörpert ist. Und doch wiederum begreift man, wie immer, die Größe dieser Männer nur durch die Idee. Aus dem Dunkel der inneren Kämpfe der Leidenschaften in Israel tauchen die Lichtgestalten der Makkabäer empor. Es sind Männer, in denen alles'jüdisch ist, die frei sind von allen Zersetzung der Zeit. Sie sind groß in ihrer Schlichtheit und schlicht in ihrer Größe. Die Not der Zeit hat sie gerufen, der gewaltige Gedanke, der in ihnen lebte, hat sie zu Helden gemacht. Von edlem Blute, fühlen sie sich doch als einfache Männer, die nur das Vorrecht der Pflichten für sich beanspruchen. Der alte Juda War bereits ein Greis und mit dem Blicke nach' dem Jenseits gewendet. Nie glaubte) er, noch einmal sein ruhendes Schwert ziehen zu müssen. Da erlebt er das schmerzlichste, daßi das Volk entsittlicht, daß das Heiligtum' entweiht ist. Noch harrt er auf ein Wunder Gottes, das diesem' Greuel ein Ende machen soll, und sinnend und trauernd geht er gebeugten Hauptes durch sein Volk. Da erkennt er plötzlich, daß das größte Wunder die lebendige Tat ist. Noch zögert er, das große Werk in die Hand zu nehmen, da ist es ihrri, als wenn aus dem Heiligtum ihm die Stimme Gottes zuruft: Sei ein Mann und rette Dein Volk! Ein nie gekanntes Heldentum bemächtigt sich seiner, und seiner Brust entspringt die Mahnung: Geh' hin und diene Deinem Gotte, Deinem Volke. Mit dem Rufe: „Wer zu Gott hält,- eile zu mir!" sammelt er eine kleine Schar um'sich. Sie fwird immer größer, weil das Wort begeistert und zündet. Alles Angekränkelte und Fremde fällt vom1 Volke plötzlich wie durch1 ein Wunder ab und das wahre jüdische Wesen steht klar und blank da. Die Juden sind wieder zu ihrem1 Urwesen zurückgekehrt, sie sind in ihrem Element und vollbringen Wundertaten. Was streitet ihr, ob das Judentum eine Religion oder eine Volksgemeinschaft darstellt. Mit Worten werdet ihr es nicht erfassen. Esi ist alles: der Quell, des inneren Lebens, das Rätsel jüdischer Kraft. Die Makkabäer zeigen es uns. Sie sprechen vom Vjolk und von Gott in einem Atem, für sie ist eine jüdische Gemeinschaft ohne Gott undenkbar und eine religiöse Abstraktion ohne pulsierendes Leben und ohne Volk unfaßbar. Der Talmud prägt das Wort: „Gott, die Lehre und Israel bilden eine Einheit." Das kann man durch di'e ganze jüdische Geschichte verfolgen. Ueberall da, wo diese Einheit in' sich gefestigt war, war Israeli groß und unbesiegbar. Wo diese Einheit getrübt ist, da beginnt die Zersetzung, die auch ihre Poesie und ihre Schönheit haben mag, die aber doch ein Symptom der Krankheit ist. Und merkwürdig, wie das Entstehen der Makkabäerkämpfe ist auch ihr Verlauf. Sie beginnen Idein und Winzig, gewissermaßen als Franktireurkampf und steigern sich in grandiosen Wallungen von Stufe zu Stufe bis zu ihrer gewaltigen Größe. Sie 'werden zu einem Kriege großen Stils, dem auch unsere moderne -Strategik die Achtung nicht versagt. Und immer wieder kommen Ueberraschungen und Wendungen, vor denen wir staunend dastehen, und die wir nur verstehen, wenn wilden gewaltigen Gedanken, der das ganze Volk erfaßte, den Gedanken, daßl eine Rettung des Heiligtums zugleich den Bestand des Volkes' in sich birgt, klar erkennen. Ja, die. Makkabäer. sind immer nur Vollführer der Befehle eines höheren Schlachtenlenkers. Darin liegt ihre Psychologie. Sie sind echte jüdische Helden, weil alles an ihnen jüdisch ist. Mit einer Selbstverständlichkeit, die nur den Alten eigen War, ist ihnen das Volk allefe. Sie mußten für das Volk.kämpfen und leben,' weil sie sicli ein Leben ohne Reinheit und Hoheit gar nicht Vorstellen können. Und in. diesem Zeichen siegen sie, vollbringen die größten Wundertaten und werden zum Symbol des jüdischen Heldentums. Etwas von dieser Größe der Makkabäer, von dem eigenartigen jüdischen Heldentum lebte in den bewußten Juden zu allen Zeiten. Wie wäre es1 sonst zu erklären, daß eine .kleine Gemeinschaft alle tragischen Schicksale überwindet, alle Wandlungen der Zeit überlebt und trotz aller Kämpfe nicht mürbe wird, und körperlich, geistig und sittlich gesund dasteht als Wahrz eichen der Lebensbejahung, des Idealismus? Die Lebenszähigkeit, die man als Merkmal der Judenheit überall wahrnimmt, strömt aus dem Innern, aus dem Glauben an den Sieg der Wahrheit. Und nur da, wo die Juden diesen Glauben sich erhalten haben, wo sie die Fahnenträger des1 reinen Idealismus! sind, da stehen sie groß und unverwüstlich da. Daher ist es töricht, das Heldentum1 der Juden an Ziffern festzustellen und arn Zollstock zu messen. Es ist eben eine andere Art von Heldentum, es mußi gewogen werden, — auf der Wage der Seelengröße. Das jüdische Heldentum prunkt nicht und tritt nicht als Schild hervor, es ist immer nach innen gerichtet, es ist immer ein Heldentum mit der Sehnsucht nach Harmonie, nach reiner Menschlichkeit. Und die schönste Form des jüdischen Heldentums ist das stille Held entum, das nur der kennt, der in die Tiefe des jüdischen Lebens eindringt.

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