Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1918)
- Article
- Jüdisches Heldentum
- Date
- 1918-11-01
- Page
- Seite 399 - 400 (sequence 1)
- Language
- German
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399 Jüdisches Heldentum. JUEDISCHES HELDENTUM. Von Fabius Schach. Daß jedes Vplk seine Helden hat, ist zu trivial, um1 gesagt werden zu müssen. Nur ein zur Psychose erstarrter Chauvinismus vermag es1, dem! Feinde oder gar dem Bundesgenossen das Heldentum abzusprechen. Das Wort wird aber zu einer tieferen Wahrheit, wenn, man die Betonung auf das Wort „.seine" legt. Ja, jedes Violk hat seine Helden. Helden, die seiner Eigenart entsprechen. Denn der wahre Held zieht wie das wahre Genie seine Kraft aus dem Volke, er stellt die Volkskraft in Reinkultur dar. Jeder Held kommt ausdem Vtolke und wirkt für das Volk, und trägt in allen seinen Handlungen den Volkscharakter. Selbst die Heroen der Griechen sind wohl mit göttlichem Gewände bekleidet, aber sie sind Fleisch aus dem1 Fleische des Volkes. Nur so ist es zu erklären, daß [die Helden immer Eigentum des Volkes wer-i den, und den besten Teil der Volkspoesie bilden. Sie gehören ihm eben dem Wesen nach, und das Volk' übersetzt ihre Taten in 'seine Sprache, in die Sprache der Phantasie. So entstehen die Mythen und Sagen der Völker, die sich' fast alle uml did Helden ranken. Daher nehmen die Sagen und Mythen, mögen sie alle, wie die Wissenschaft nachgewiesen hat, einem gemeinsamen Quell entspringen, bei jedem Volke eine andere Gestalt, einen anderen Charakter an. Ja, das1 Heldentum eines jeden Volkes ist verschieden, und auch die Juden repräsentieren eine besondere Art des Heldentumlsj. An den geschichtlichen Gestalten und bis zu einem' gewissen Grade auch noch bis in die Gegenwart hinein kann man die Grundzüge dieses jüdischen Heldentums! beobachten. Wir wollen sie hier kurz skizzieren. Die Juden erkennen nur solche Helden an, die im Dienste einer großen Idee stehen. Die Idee ist es1, die sie umstrahlt, aus1 ihr schöpfen sie ihre Kraft und ihre Größe. In der jüdischen Geschichte gibt ies fast keinen Helden, der nicht der Träger einer großen; Idee ist. Er taucht plötzlich' auf zu einer Zeit, in der die Not groß' ist und eines' gewaltigen Führers bedarf. Meistens ist er früher unbekannt gewesen und nur das Schicksal der Zeit hat ihn auf den Plan gerufen. Die jüdischen Helden sind schlicht, sie wirken weniger ästhetisch als' ethisch- Sie reden eine elementarkräftige und doch kindlich-schlichte Sprache. Auch ihr Pathos in hohen Momenten mutet schlicht an, es ist eine Poesie der Naturentfaltüng. Auch1 diesen Zug können wir aus der jüdischen Geschichte studieren. Die Helden der Judenheit geben sich immer volkstümlich, ja manchmal zu volkstümlich'. David, Jonathan, Abner, und wie sie alle heißen mögen, sind eng mit dem Volke verwachsen, und ihr Element bleibt das Volkswesen. Nur wo die Aktion beginnt, da schreiten sie voran Und zeigen sich in ihrer Größe. Ihr Heldentum ist also etwas, das1 eigentlich nur eine Episode bedeutet, nur Auftritt, wo es absolut notwendig ist. Es haftet den jüdischen Helden immer etwas Tragisches an. Die Distanz zwischen Ideal und Wirklichkeit, das Empfinden, daß ihr Beruf nie ganz erfüllt wird, weil er eben dem) Göttlichen entnommen ist, verleiht ihnen einen wehmütigen Zug und begleitet ihr ganzes Leben. Nur in den Momenten großer Handlungen verläßt sie das Gefühl der Trauer, Weil die lebensbejahende Idee stärker ist. Manchmal aber zeigt sich ihre wahre Größe in einem tragischen Abschluß!. In den Geschehnissen des1 jüdischen Volkes gibt es viel mehr tragische als freudige Momente. Auch die Helden wirken auf .uns häufig tragisch. Sie gehen nie auf in Lebensfreude, weiL-etwas Höheres sie leitet. Ihre Heimat ist nicht diese Welt, und es ist, als wenn 'sie nur für kurze Zeit die irdischen Regionen betreten und an ihrer Sehnsucht nach Hoheit und Größe, die selten ganz erreichbar sind, stark kranken. Den jüdischen Helden haftet selten .etwas Sinnliches an, die treibende Kraft in ihnen ist einetj Abstraktion, ein Gedanke, der häufig zum Gedanken, des - Lebens Wird. Die griechischen Helden sind sinnlich, eine- Mischung von göttlicher Sinnlichkeit und versinnlichter Gött- Hehkeit. Bei den Juden fehlt dieses Charakteristikum. Selbst Simson, der noch am meisten den griechischen Helden ähnlich erscheint, ist frei von einer großen Sinnlichkeit und auch von einer heroischen Dekoration. Er ist schlicht, kindlich, fromm, und ist sich seines1 Heldentums kaum bewußt. Er wird erst beim tragischen Schluß auch äußerlich groß, weil der Zweck seines Heldentums, die Verkündung der Größe Gottes, ihn leitet. Die Makkabäer sind das richtige Sinnbild des jüdischen Heldentums. In ihnen finden wir alle diese Züge verkörpert. Sie sind Priester, Krieger, Wahrheitsverkünder — alles zusammen, und sie stehen auf dem Boden des Volkes, entfernen sich nur von ihm, wenn es in den Sumpf zu gleiten droht, um es dann zu sich in die Höhe zu ziehen —, durch das Seil des Glaubens. Man hat Chanukkah das einzige jüdische, rein historische Fest genannt. Das ist kaum1 richtig'. Denn alle jüdischen Feste sind historischen Ursprungs und zeigen in ihren Symbolen viel Geschichtliches'. Aber das Geschichtliche tritt hier klarer, bestimmter hervor, weil die Größe der