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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 363 - 364

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Aus den Wundergärten der Aggada
Date
1918-10-01
Page
Seite 363 - 364 (sequence 2)
Language
German
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363 Der Jahrmarkt von Rohany. 364 Die Bäume waren schon erschaffen und standen in dichten W.ä.ldem da. Dann erschuf Gott das Eisen. Als die "Wälder das Eisen erblickten, fingen sie zu zittern an und sagten voller Furcht: Aus dem Eisen da wird die Axt gefertigt werden, welche uns fällen wird. Da sprach das Eisen: Nur keine Angst! Solange keiner von euch sich dazu hergibt, mir als Stiel zu dienen, werde ich keinem von euch Schaden zufügen. ' * R,ab 'Jehuda sagte: Wer in den schönen Tagen deä Monats Nissan ins Freie kommt und die grünenden Bäume sieht, spreche: „Gepriesen sei, der in seiner Wielt es an nichts' hat fehlen lassen DER JAHRMARKT Novelle von Es versprach, ein schöner Tag zu werden. Dunkel lagerte noch über der weiten Ebene, aber an dem kristallklaren Himmel erbleichte schon der Vollmond. Die Sterne erloschen friedlich einer nach dem andern. Ueber die Erde wälzten sich dichte Nebelballen, schwangen sich in die Luft empor und zerflossen 'in Nichts. Im' Osten fing der Himmel an, sich blaßrot zu färben. Zeitweise erhob sich ein leichter Wind und brachte aus dem Gebüsch In der Runde den Duft blühenden Flieders und das leise Zwitschern der erwachenden Vögel an die beiden Wanderer heran, welche die einsame Landstraße entlang mit weitaushblenden Schritten einhergingem Es waren Dawid, der Viehhändler und Berl, der Getreidemakler; sie hatten sich kurz nach Mitternacht auf den Weg gemacht, um d'ie Station Rogi der Transversalbahn zu erreichen, m'it der sie nach Rohany gelangen wollten. Hier fand nämlich heute ein großer Jahrmarkt statt, auf dem' der eine wie der andere ein gutes Geschäft zu machen hoffte, Man konnte zehn, vielleicht sogar zwanzig Gulden verdienen, wenn man Glück1 hatte. Aber es galt, sich zu beeilen, denn der Zug kam und ging, wann es ihm beliebte, und niemand kbnnte mit Sicherheit voraussagen, wann er eintraf und wann er abging. Es war immerhin besser, auf ihn zu warten, als auf seine Pünktlichkeit zu rechnen. An einer Kreuzung des Weges schlössen sich ihnen zwei andere Fußgänger an. Salomon, der Glaser, kam mit seinem mächtigen Kasten auf dem Rücken, er wollte in Rohany Scheiben einkaufen. In seinem Dorfe Demia wurde der Palast der präfin ausgebessert, die binnen kurzem1 zu den großen Ferien hinkommen sollte. Der Glaser hatte den Auftrag erhalten, die beschädigten Fenster zu restaurieren und mußte gleich übermorgen damit .anfangen. Er brauchte Scheiben und Kitt. Sein Gefährte trug einen großen Rack mit allerhatiid und schöne Bäume und schöne Lebewesen erschaffen hat, auf daß die Menschen ihren Genuß und ihre Freude daran haben." * Rabbi Akiba sagte: „Wie groß sind deine Werke, ewiger Gott!" Du hast Geschöpfe, die im Meer gedeihen, und Geschöpfe, die auf dem Festlande gedeihen; die vom Meer, wenn sie das Festland beträten, sie stürben aui der Stelle, und die vom Festland könnten es im Meere nicht aushalten; 'Geschöpfe hast du, die in der Glut leben, und andere, die in der Luft atmen; wo die einen leben, müßten die anderen sterben; du aber liebst und ernährst sie alle gleich. „Wie groß sind deine Werke, ewiger Gott!" VON ROHANY. A. Kahn. Schmucksachen darin. Hauben, Gürtel und Mieder, die er aus bunten Bändern angefertigt, mit Glasperlen bestickt, für die die Bauernfrauen und -Mädchen schwärmten. Er hoffte, seine ganze Ware abzusetzen und Rohstoffe für neue Erzeugnisse einzuhandeln. „Da gehen zwei, die noch früher .als wir aufgestanden sind", bemerkte einer aus der Gruppe, und wies auf die beiden Gestalten hin, die einige hundert Schritte voraus in dem1 Halbdunkel der Morgendämmerung sichtbar wurden. „He, Labik", rief er mit lauter Stimme, „guten Morgen, Labik! Willst du auch zum Jahrmarkt? Was bringst du denn hin zum' Verkauf?" Der Angerufene und sein Begleiter blieben stehen und Wandten sich um'. „Meinen Buckel", antwortete der erstere lustig mit seiner hohen Stimme. Er war der Spaßtf vogel der ganzen Umgegend und machte die meisten Witze über seinen großen Höcker, den sein kleiner Körper zwischen den Schultern trug. „Ich kann ihn dir hier auf der Stelle abtreten, wenn du einen ordentlichen Preis bietest. Aber mein Nebenmlann da, der hat alle Taschen voll. Auspacken wird er erst drüben auf dem Jahrmarkt." Mian lachte. Der Begleiter des Buckels, ein hagerer, hochaufgeschossener Mensch mit undeutlichen Gesichtszügen, wiar dafür bekannt, daß er überall Lügen feilbot, phantastische Aufschneidereien und ersonnene Geschichten, die keiner mehr ernst n|ahm. M'an nannte ihn deswegen Hersch Lügner, obgleich er mit dem Familiennamen Lindner hieß. Er machte '•allerlei windige Geschäfte mit den Bauern, trieb sich als Winkelschreiber und Zwischenträger herum, eine zweifelhafte Figur, der niemand recht traute. „Den ganzen Weg bitte ich ihn, daß er mich zum Kompagnon nimmt," fuhr der Bucklige fort,

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