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Ost und West · 1918-10-01 · Heft 10 (Oktober 1918) · p. Seite 361 - 362

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 10 (Oktober 1918)
Article
Aus den Wundergärten der Aggada
Date
1918-10-01
Page
Seite 361 - 362 (sequence 1)
Language
German
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361 Aus den Wundergärlen der Aggada. 362 AUS DEN WUNDERGAERTEN DER AOOADA. i DIE SCHOEPFUNG UND IHR SCHOEPFER. Himmel und Erde. War einmal ein König, der hatte kostbare Glasbecher. Dachte der König bei sich: Wenn ich sie mit heißer Flüssigkeit fülle, bekommen sie Sprünge; fülle ich sie mit kalter Flüssigkeit, bekommen sie Flecke. Y/as tat er nun'? Er mengte das Heiße mit dem Kalten, goß es hinein, und die Glasbecher hatten Bestand. So sagte Gott : Baue ich die Welt allein auf der Barmherzigkeit auf, so nimmt die Sünde in ihr überhand; baue ich sie allein auf der Strenge auf — wie soll sie da bestehen bleiben? Ich will Strenge und Milde vermählen und mit beiden zugleich die Welt erschaffen, und dann erst, ach, daß sie bestehen bleibe! Das will der Vers im Buche der Schöpfung besagen, der da lautet: „An dem Tage, in welchem Ädonaj Elohim die Welt erschuf." Adonaj bezeichnet Gott als milden, verzeihenden Vater; Elohim bezeichnet Gott als strengen Richter und Schirmherrn des unbeugsamen Rechtes. * Rab Hoschaja der Große fing an und sprach: Die Thora rühmt sich, das Meisterwerkzeug Gottes bei der Erschaffung der Welt gewesen zu sein. Baut ein sterblicher König einen Palast, so baut er ihn nicht nach eigener Willkür, sondern nach dem Plan eines Baumeisters; und der Baumeister baut nicht aufs Geratewohl, sondern nach wohldurchdachten Entwürfen und Zeichnungen, in denen genau angegeben ist, wie die Grundfesten zu legen, wie die Gemächer und Kammern zu bauen, die Stockwerke aufzuführen sind, bis hinauf zum First. Gott war sein eigener Baumeister, und die Pläne und Entwürfe zu seinem Weltenbau hatte er lange, lange zuvor in der Thora niedergelegt; er blickte in die Thora hinein und baute danach seine Welt. * Am dritten Tage der Schöpfung war die Erde flach wie eine Tiefebene und das Wasser bedeckte ihr ganzes Antlitz. Und als das Wort Gottes erscholl: „Es sammeln sich die Wasser an einem Ort und das Festland komme zum Vorschein!" da tauchten Berge und Höhen aus den Fluten herauf, schieden sich voneinander, Täler dehnten sich dazwischen, das Innerste der Erde stieg empor, die Wasser wälzten sich, und es entstanden die Meere. Bald aber bäumten sich die Wasser stolz, schäumten auf und wollten das Festland abermals' überfluten. Da schrie Gott sie zornig an, bändigte sie und nahm sie unter seine Fußsohlen; er maß ihnen mit seinem Schritt den Raum zu, auf daß sie nicht zu viel und nicht zu wenig haben. Den Sand aber legte er gleich einem Damm Um das Meer, wie der Mensch seinen Weingarten mit einer Hecke umgibt. Wenn die Wasser aufsteigen und den Sand erblicken, weichen sie zurück. * Bäumt sich' da die Woge des Meeres auf, türmt sich in die Höhe und braust daher, und denkt bei sich: Ich steig' auf und überflute die ganze Welt. Sobald sie zum Sande des Ufers kommt, kniet sie nieder, bricht zusammen und versickert. Aber die nächste Welle nimmt sich daran keine Lehre, tut dasselbe und wird von demselben Schicksal ereilt. Darum sagt der Prophet: „Ewig aufgeregt treibt das Meer." * Rab Jeh'uda sagte im Namen von Kab: Als Gott 'die Welt erschaffen wollte, befahl er dem Fürsten der Meere: „Oeffne deinen Rachen und verschling' alle Urwasser." Der Fürst der Meere sprach: „Oh, Herr aller Welten! Es ist genug an dein, was ich bisher zu ertragen habe." Da trat ihn Gott nieder, um ihn zu töten. Der Fürst der Meere schrie auf und die Wasser erschraken vor seinem Schreien und flohen davon, bis sie sich im Ozean, wo Liwiathan haust, sammelten. Aber bis auf den heutigen Tag weinen die Wasser um ihren Fürsten1). Pflanzen und Tiere. Rab Chanina bar Papa erklärte: „Gottes Herrlichkeit währe ewiglich, Gott erfreue sich an seinen Werken!" Diesen Vers hat kein anderer gesprochen als der Fürst der (irdischen) Welt2). Als nämlich Gott den Bäumen befahl, auf die Erdoberfläche hervorzutreten, Art um Art, in geordneter Folge, da dachten die Gräser bei sich: Wenn die Bäume, die doch auch sonst nicht in buntem Gewirr aufzutreten pflegen, von Gott ermahnt wurden, die Ordnungder Arten zu bewahren, um wie viel strenger müssen die Gräser darauf bedacht sein! Da fingen sie an, nach Arten gesondert, in geordneter Reihe auf der Erde 'zu erscheinen, obgleich ihnen Gott das nicht erst ausdrücklich geboten hatte. Als der Fürst der irdischen Welt das sah, stimmte er ein Lied an: „Gottes Herrlichkeit währe ewiglich. Gott erfreue sich an seinen Werken!" * Alle Bäume führen Zwiesprache miteinander im Flüstertone, raunend und rauschend. Und auch zu den Menschen ist es, als ob sie leise sprechen würden. Alle Bäume sind den Menschen zur Freude und zum Genuß erschaffen worden. * Rabbi 'Simon sagte: Es gibt keinen Grashalm, der nicht einen Engel im Himmel hätte, welcher ihm im Auftrage Gottes mit Strenge befiehlt, zu wachsen (sein Wachstum überwacht).!) Der rebellische Meeresfürst, der niedergetreten wird, erinnere an eine babylonische Mythe. 2) Der von Gott über die irdische Welt gesetzte Engel.

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