Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 9 (September 1918)
- Article
- Der Wert des Lebens in der jüdischen Weltanschauung
- Date
- 1918-09-01
- Page
- Seite 323 - 324 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2584078-2584084-2606573--17217-2606609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
323 Der Wert des Lebens in der jüdischen Weltanschauung. 324 Anschauung ist falsch. Wie die griechischen Philosophen, hatte er wahrscheinlich nach dem „höchsten Oute" gesucht und es im Leben gefunden, und nachdem er es als solchesi erkannt, schickte er sich dazu an, es für seine Stammesgenossen zu regeln und Vorschriften zu dessen Erhaltung und zum Wohle der Armen wie der Reichen niederzulegen. Auch verheimlichte er diese Absicht gar nicht; denn in der Fassung der Vorschriften beanständete er nicht, den Grund oder die verheißene Belohnungfür deren Erfüllung in den Worten hinzuzufügen: „Damit du lange lebest auf dem Erdreich, das der Herr dein Gott dir gegeben." — Aus dem 5. Buche Mosis erhellt es klar, daß. dem Verfasser,' wer er auch gewesen, das: ^höchste Gut" das Leben war. Als Zweck der Beobachtung der Gesetze wird dort das Leben erklärt: ,.,Diejenigen, die Gott anhängen, sind sämtlich am : Leben," und dieser Vers wird in der Synagoge vor1 jedesmaliger Vorlesung aus der Thora rezitiert.' Ebenso wird die Thora in der Liturgie als „Baum -des' Lebens" bezeichnet. Den Israeliten wird in demselben Buche zwischen dem Leben und-dem Tode die Wahl gelassen; Gott hat den Menschen geschaffen, indem'er'in "seini-Niäse. den Hauch des Lebens geblasen,'welcher der göttliche Teil oder die Seele in ihih ist.- An den heiligsten Tages des Jahres, den sogenannten Bußtagen, werden besondere Gebete um 'Leben in die-Liturgie eingeschaltet. ■ " c 1 - ' Da:das Leben also einen'so'großen Wert in den Augen -des Stifters der jüdischen Religion hatte, so ist es nur natürlich, und 'logis'eh, däß, der Pentateuch so viele Vorschriften enthält, die keinen arideren Zweck haben, als das'Leben zu regeln. Aus dem angedeuteten Prinzip fließen die diätetischen Gesetze oder Speisegesefze, die der Reinigung, die der Volks- und Landwirtschaft,'' die sozialen und ethischen Vorschriften, voi* denen die letzteren ihren Gipfelpunkt erreichen in der großen Vorschrift:: „Liebe deinen- Nächsten wie dich selbst." — Nach all dem Gesagten wird es nicht mehr schwer fallen,- sich die seltene und so viel besprochene Zähigkeit des jüdischen Volkes zu erklären. Dem Leben zugetan, wie es jedes-lebende Wesen'instinktmäßig ist,; in erster Linie, und' auf Grund der Lehren seiner Religion in zweiter, meidet der Israelit, wie allgemein anerkannt wird; einerseits die Laster, die es untergraben und vernichten, und übt andererseits die Tugenden, die es begünstigen; er pflegt seine Gesundheit und ist mäßig in seinen Genüssen „bis hundert Jahre", welches letztere eine stehende Beglü'ckwünschungs^orm'el 'bei den Juden ist. Von diesem ,Gesichtspunkte aus wird man es leicht verstehen, weshalb es diejenige Religion ist, welche vorzugsweise die erhabene Idee vom Messias oder dem „goldenen Zeitalter" lehrt und entwickelt hat, auf welche alle Kultur hinzielt und wonach sie strebt, — die Lehre von jener Zeit, „wo die Nationen ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern, stumpf machen werden" ... wo alle Menschen werden verehren einen Gott, wo „der Tod auf immer verschlungen sein wird." Von dieser Hoffnung, welche im 12. Glaubensartikel des Maimonides zum Dogma formuliert wurde, sind die Juden jahrhundertelang getragen und auch wohl erhalten worden, und sie ihrerseits haben diese Hoffnungmit seltener -Ausdauer gehegt und sich daran geklammert. Ich, habe nicht nötig zu sagen, daß die so heiß ersehnte Zeit noch nicht eingetroffen ist. Allein alle.unsere Arbeiten zur Verbesserung der sozialen Zustände, alle unsere Bemühungen, die internationalen Beziehungen zu glätten, streben nur ■ danach und zielen' nur.darauf hin, ihre Ankunft herbeizuführen. Der Hauptzweck der Gesetzgebung dir zivilisierten Völker ist es, die Lage der ärmeren Klassen zu verbessern und den Frieden zwischen den Völkern zu erhalten, so wie es' das Ziel der Männer der- Wissenschaft ist, das Uebel zu vermeiden und es ..erträglicher und angenehmer zu gestalten. Vielleicht würde es, wollten die Menschen den Naturgesetzen gemäße leben, so, wie sie vom Klima und den besonderen Bedingungen jeden Landes vorgeschrieben sind, keine Krankheiten mehr geben, vielleicht sogar keine Armut mehr. Die Laster würden nicht, mehr den Leib, noch . Schwermut die Seele töten; denn Schwermut ist der Tod. -Inzwischen -müssen wir doch alle hoffen, ohne uns' indessen Illusionen hinzugeben. Denn selbst nach dem Pentateuch wird die Armut hie im Lande aufhören, und aus diesem Grunde sind dort die humansten Vorschriften zugunsten der Armen niedergelegt, und es ist ja allgemein bekannt, und unerkannt worden, mit welcher Opferfreudigkeit gerade die Juden für ihre Armen und die Kranken sorgen. ■ r Iji.Buc.hform so, eben erschienen: Am Tagp.de s G e ric hles ^Erzählung von B Mn j am i n :iS 'z g. e I Nibelungen Verlag / Berlin W Preis geb. fAk. 4.— / brosch. Wk. 3.— / (durch alle Buchhandlungen zu beziehen) Für den Versand ins Feld besonders geeignet!