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Ost und West · 1918-09-01 · Heft 9 (September 1918) · p. Seite 321 - 322

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 9 (September 1918)
Article
Der Wert des Lebens in der jüdischen Weltanschauung
Date
1918-09-01
Page
Seite 321 - 322 (sequence 1)
Language
German
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321 Der Wert des Lebens in der jüdischen Weltanschauung. 322 DER WERT DES LEBENS IN DER J Von Dr. B. S Zwei Richtungen des praktischen Denkens und ■des Handelns stehen einander im Menschengeschlecht vielleicht schon so lange gegenüber, wie der Mensch über sein Dasein nachgedacht hat. Die eine betrachtet das menschliche Leben als ein Gut, das wert ist, um seiner selbst willen erhalten zu werden und in ihm seine Befriedigung zu suchen, und verfolgt daher den Zweck, durch die vermeintliche Erkenntnis der Freud- und Lichtquellen, durch Vervollkommnung der Lebensbedingungen, durch ■die Energie des Wollens die sittlichen und physischen Leiden zu mindern und die Freuden zu erhöhen, durch Bekämpfung der Uebel im frischen Streben die Glückseligkeit zu erringen. — Der andere verneint den positiven Wert des Lebens, hält das Leben für eine Prüfungszeit, für eine Kette nicht zu hebender Leiden und glaubt, daß. erst mit dem Aufhören des Lebens, mit dem Tode, der Friede oder •das ungestörte Glück beginne, und daß; es in der Aufgabe der Menschen liege, allen Freuden des irdischen Daseins zu entsagen. Schopenhauer, dessen philosophisches System in dem schreienden Weltschmerz gipfelt, betrachtet von diesem Standpunkte, als dem hauptsächlichsten Unterschied der verschiedenen Religionen, nicht etwa ihren monotheistischen oder polytheistischen, sondern vielmehr ihren optimistischen und pessimistischen Charakter; den Buddhismus und insbesondere das Christentum stellt er nur deshalb so hoch, weil dies pessimistische Religionen sind. „Die Kraft, vermöge der das Christentum zunächst das Judentum und dann das griechische und römische Heidentum überwinden konnte, liegt ganz allein in seinem Pessimismus, in dem Eingeständnis^, daßi unser Zustand ein höchst elender und zugleich sündhafter ist, während das Judentum optimistisch ist." Die jüdische Religion entstand in einer Zeit, in der sich das jüdische Volk kräftig zu entwickeln und zu vermehren begonnen hatte und die weitestgehenden Hoffnungen für die Zukunft hegte, wie sie nur ein jugendliches, kräftiges, aufblühendes Volk nähren kann. Bei dieser Gesundheit, der jugendlichen Kraft «und dem Mute, womit die Juden nach der Befreiung .aus Aegypten in Palästina ein Volk nach dem andern besiegten und sich1 in den Besitz des Landes setzten, konnte der Glaube des jüdischen Volkes nur ein ganz optimistischer werden; d. h. der Glaube fand seinen Schwerpunkt in der Einheit der Religion und des praktischen Lebens, in einem religiösen „Diesseits", in der Vollberechtigung des selbständigen Menschen. Dieser optimistische Charakter der jüdischen Religion, verbunden mit 'Heu zweckmäßigen Lebensregeln, insbesondere mit ihrer Mäßigkeit gegenüber den Schwelgereien des griechischen und römischen JEDISCHEN WELTANSCHAUUNG. 1 i g k o w i t z. Heidentums, hat den Juden bis heute ihre jugendliche Energie bewahrt; und es ist außer allem Zweifel, daß die Verfolgungen, die sie überall erdulden müssen, nur dazu dienen werden, wie sie dazu gedient haben, sie vor dem Erschlaffen zu bewahren und ihre Energie zu heben. — Die Bedingungen, unter denen die christliche Religion entstand, waren ganz die entgegengesetzten. Mit der asiatischen. Herrlichkeit war es zu Ende; die Blütezeit Aegyptens war vorüber; das herrliche Volk der Griechen war erschlafft, seine physische Kraft und seine Macht gebrochen, und auch das römische Reich trug die Keime des Unterganges in sich. Das griechische und römische Heidentum mit seinen Schwelgereien hatten die Nervenkraft der Menschen ruiniert; die Menschheit war übersättigt von den Genüssen des Daseins, und Krankheit und Elend als Folgen der Kultur der absterbenden Völker nahmen allenthalben überhand. Die Begierden waren stets befriedigt und so hoch gesteigert worden, daß eine weitere Befriedigung nicht mehr möglich war; das Leben erschien langweilig, die ohnedies sich häufenden Leiden wurden doppelt empfunden, weil die jugendliche Widerstandskraft der Schwäche gewichen war; die Menschheit schrie daher nach Bedürfnislosigkeit und nach Erlösung von den Qualen des Lebens. In einer solchen Zeit, in der die Kulturvölker sämtlich im Absterben begriffen waren, konnte keine andere als nur eine pessimistische Religion entstehen und weitere Vorbereitung finden. Bei einem solchen entarteten Zustande der Welt konnte der zerdrückten, trostlosen Menschheit nichts ••Willkommener. sein als! das Hineinversetzen in eine die sündhafte Erde verachtende, den Himmel eröffnende Sphäre. Und in der Tat; wenn etwas die innere Kraft, die geistige Gesundheit bezeichnen kann, mit der Jsrael von seiner Lehre erfüllt war, so ist es die Tatsache, daß der Begründer des Judentums die Religion nicht in ein „Jenseits" verlegte, sondern auf die sichtbare Erde konzentrierte. Das Leben machte er zum Mittelpunkte der Religion; das Leben machte er zu seinem Gotte, zum Gotte der Hebräer, der das Weltall durch seinen Willen oder durch sein Wort geschaffen hat. — Moses hatte wahrscheinlich seinen Blick! umhergeworfen und die Aegypter, unter denen er aufgewachsen war, beobachtet und dabei wahrgenommen, daß das Leben von diesen gering geschätzt .und mißbraucht wurde, insofern sie mit den Toten zuviel Unwesen trieben, den Leichnam einbalsamierten, um ihn zu erhalten, Handlungen, wodurch sie eine gewisse Geringschätzung des Lebens dem Tode gegenüber bekundeten. Und so mochte er sich gesagt haben: Diese

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