Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1918)
- Article
- Bogumil Zepler
- Date
- 1918-07-01
- Page
- Seite 223 - 224 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584078-2584082-2606433--17104-2606474- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
223 Rumänien und seine Juden. 224 lustig. Vom Golus, vom Ghetto, von Sehnsucht nach dem heiligen Lande, von Sabbath und Purim-, vom „Pekele", daß ein jeder „Jid" mit sich schleppt; Gebete in andächtiger Gemeinde gemurmelt, am Familientisch geträllert, in Synagogen von Chor und Orgel getragen. Und er sucht und findet aus der Musik für Alle — den Weg zur Musik der Auserwählten. Er harmonisiert Ghettolieder (man kennt sie aus diesen Blättern), ostjüdische Weisen; er scharrt in diesem Stile Neues; jüdische Lieder aus orientalischen und slavischen Elementen ge* mischt. Er selbst ist es, der aus ihnen spricht, sein Wesen in sie hineinlegt: der aus dem Osten kommende Jude, der sich zum Westjuden entwickelt hat, der reizende, gute, gefühlvolle, heitere, lernende, lehrende, kämpfende Bogumil Zepler. Aber er, der im Zenith des Lebens steht, ruht noch nicht. Sein Leben lang strebte er zur Höhe. Ein Gerechter im Sinne des Judentums hat er gleich der Palme geblüht. Gepflanzt im Hause des Herrn, — erkoren, ein Jude zu sein. Und nun will sich auch der letzte Teil des Psalmwortes er* füllen? Will er auch in den Höfen unsres Gottes erblühen? Grünt er bei hohen Jahren noch? Zu künden, daß der Ewige gerade ist.....? Er stellt seine Kunst in den Dienst Gottes. (Bogumil — Gottlieb!) Noch sind es Versuche, aber die Tat? sache allein, daß er nun seine Aufgabe als Jude so erfüllt, ist erfreulich. Und, ein Jüngling, ,.lernt" der Sechszigjährige von Neuem; „lernt" nach jüdi* scher Art, vertieft sich in Text und Weisen der Gebete und sucht nach neuen Wegen. An dieser Stelle hat er kürzlich eine Reformidee entwickelt, hat den Worten die Tat folgen lassen. Eine Psal* modie für Geige, Harfe und Orgel entstand. Das alte Sabbathlied ,,Lecho daudi" hat er in orienta? lisch farbiger Melodie durchkomponiert. Ob der Stil hier der bisher übliche ist oder nicht, ist völlig gleichgültig. („Wollt ihr nach euren Regeln messen, was nicht nach eurer Regeln Lauf?") Das ist das Entscheidende: Der Künstler Bogumil Zepler ist das Bild des Westjuden, der sich aus überkommenem Lerntrieb durchsetzt, durch Europens übertünchte „Kultur" durchkämpft und schließlich irgendwie den Weg zu seiner Religion findet, von der er Lernen und Lehren und Kämpfen als edelstes Erbteil erhalten hat- RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Schiffer. XIII. WIE DIE RUMAENISCHEN JUDEN 1879 UM IHR HEILIGSTES RECHT BETROGEN WURDEN. Anfang Juli 1879 stand die Judenfrage folgendermaßen : die Revisionskammern hatten Kommissionen eingesetzt, welche Vorschläge zur Abänderung des Artikels 7 machen sollten. Einen dieser Vorschläge, den die Regierung a limine abweisen mußte, haben wir bereits kennen gelernt. Die Opposition beharrte darauf, gar keine Konzessionen zu machen, eine Gruppe von Deputierten, unter der Führung von V. Conta, hielt sogar an dem Prinzip fest, den Artikel 7 unangetastet zu lassen, es mochte kommen, was da wollte. I : Die Signatarmächte waren uneinig. Oesterreich-Ungarn hatte, wie wir wissen, als erste Macht bereits vor einem Jahre die Anerkennung1 Rumäniens vorbehaltlos ausgesprochen, Rußland und die Türkei waren diesem Beispiel gefolgt. Von den Westmächten begnügte sich (anfangs Juli 1879) Italien mit der Streichung des Artikels 7 — die den Juden nicht den geringsten Nutzen brachte — England verlangte bloß die Naturalisation einiger Juden, wobei die ganze große Masse der Nkhtnaturalisierten in "dem bisherigen Zustande der Rechtlosigkeit geblieben wäre. Waddington dagegen verlangte eine radikale Lösung. Diese bestand;' jedoch nicht etwa darin, daß das 'Prinzip der Staatenlosigkeit aufgehoben würde, da es dem gesunden Menschenverstand Hohn sprach und überdies ungesetzlich war. So weit verstieg sich der französische Minister des Aeußern nicht. Er verlangte bloß, daß; „alle in Rumänien geborenen und bis zur Großjährigkeit dort erzogenen Juden, die nie unter fremdem Schutz gestanden, zufolge des Artikels 44 sogleich in Iden Besitz aller bürgenlichen und politischen Rechte gelangen sollten". Später erklärte Waddington, wie wir weiter unten sehen werden, in öffentlicher Kammersitzung, man habe in der Press'e sein Verlangen für che rumänischen Juden bedeutend übertrieben, er habe es in Wirklichkeit lange nicht so schlimm gemeint. ,,In Berlin dagegen", schrieb Fürst Carol am 2. Juli, „ist man für den Fall einer nichtbefriedigenden Lösung zur Intervention entschlossen, und zwar mittels einer KolUektivnote, die uns vorschreiben wird, welche Rechte wir den Juden zu geben haben. Ein solcher Schritt würde natürlich die Aufregung im Lande aufs höchste steigern und den Widerstand nur noch vermehren, das aber könnte für das Land eine große Gefahr werden, abgesehen von der Demütigung, die darin liegt". Nicht ohne verhaltene Ironie fügt der Fürst hinzu: „Man stellt sich nun die Frage, ob der Intervention auch die Exekution folgen, und worin dieselbe bestehen würde. . Aber schon tags darauf notiert der Fürst, Graf Andrassy habe die Regierung wissen lassen, daß Fürst Bismarck an der Ausführung keines anderen Artikels derart hängt, wie an der des Artikels 44, und daß er kein Vertrauen zu dem guten Willen der rumänischen Regierung hege. „Bismarcks Ansicht ist, daß Rumänien erst nach