Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1918-07-01 · Heft 7 (Juli 1918) · p. Seite 219 - 220

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 7 (Juli 1918)
Article
Bogumil Zepler
Date
1918-07-01
Page
Seite 219 - 220 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584078-2584082-2606433--17102-2606472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

219 Bogumil Zepler. 220 BOGUMIL ZEPLER. Von Dr. Leo Fantl. Judentum ist Lehren und Lernen. Für das „Volk der Religion" etwas Selbstverständliches. Tun und Treiben, Denken und Fühlen, kurz das Leben wird nur unter dem Gesichtspunkt der „Lehre" betrachtet. Die Thora ist ja der Baum des Lebens. Und ihn Tag und Nacht zu pflegen ist höchstes Ziel. Dieser Trieb zur Thora, zum Lernen und Lehren ist Gemeingut aller Juden. Deutlich erweist sich das, wenn der Jude ein Handwerk treibt. Daß der Jude jede nicht gelehrte Arbeit für minderwertig hält, hat hierin seine Ursache. Er muß eben „lernen" können. Handwerk erlernen erkennt er nicht als „lernen" an. Thora, Philoso* phie, Geisteswissenschaft ist ihm „Lernen", absolut, kat' exochen. * * Zwei Typen westjüdischer Künstler lassen sich unterscheiden (vom Ostjudentum soll hier nicht gesprochen werden): Der erste ist der Religiöse. Er hält an den Bräuchen fest, verbindet. Sinn mit ihnen; der Gottesdienst ist ihm Bedürfnis, er fühlt Sabbath und Feste. Sein Innerstes treibt ihn zur Religion, doch der „Jezer hora", der Trieb seiner Sinne lockt ihn zur Kunst.; Aber sein jüdischer Intellekt, der Thoratrieb, sagt ihm: Was ist das alles? Eitelkeit der Eitelkeiten! Und er lächelt darüber, lächelt unter Tränen. Es zieht ihn zu Höherem, zur Lehre, zum Leben, zu Gott. Und so zernagt ihn der innere Kampf, Er wird kein rechter Künstler. Denn im Moment der höchsten Lust, der Zeugung, stößt es ihn zurück: Kritik, Skepsis, Zweifel an sich selbst erhebt sich. So wird der Künstler der feine, leidende, ironische Kritiker. Der andre Typus ist der, den nicht einmal Erinnerung an jüdischen Kult, an jüdische Bräuche fesselt, der nur seine Intelligenz als Rest, als Niederschlag der Studien, der Lehr* und Lern* tätigkeit seiner Ahnen besitzt. Der kämpft schwe* reren Kampf; sucht einen Weg aus dem Labyrinth des Geistes, tappt und greift ins Ungewisse, denn er findet den Weg zu Gott nicht. So wird er ent* weder „Alleskönner" („eine umgestürzte Besomim* büchse"), der geniale, „verkrachte" Student; dem geht es wie Cyrano von Bergerac, „der alles ge* wesen ist und dennoch nichts"! Oder er ringt verzweiflungsvoll und siegt, dann überwindet er das Judentum und wird deutscher, französischer, englischer Künstler oder Kosmopolit, Allerwerts* künstler. * .* * Bogumil Zepler ist jüngst sechszig Jahre alt geworden. Eine Monographie über ihn existiert noch nicht. Aber merkt es, Musikschrjftsteller, und Ihr, die an Zepler einst die Dissertationssporen verdienen werdet: Suchet sein Wesen aus dem Judentum heraus zu erfassen, aus den im jüdischen Künstler (und im westjüdischen ganz besonders) wirkenden Komponenten: Lernen, Lehren, Kämpfen 1! Sit * * Der Breslauer Kaufmannssohn besucht das Gymnasium. Das gewöhnliche Bild. Der Sohn soll studieren, er soll es „besser haben" als der Vater, er soll „gelehrt" werden. Echt jüdischer Respekt vor dem Wissen 1 (Der Wissenschaft ist hier noch ein höherer Rang eingeräumt, noch ist sie nicht zur Sklavin, zur Magd des Kapitals und der Industrie herabgedrückt, noch nicht nach Laune und Lust des Machthabers geschändet.) Der kleine Bogumil (die Mutter stammte aus Polen) liebt die Musik. Er spielt seine Klavierübungen, da er da* heim kein Instrument hat, auf einem Holztisch. Ein nettes Detail seiner Biographie, wird mancher sagen. Mag sein, aber für den Juden so charak* teristisch. Der Self*made*man ins Geistige, Künste lerische übertragen. Man ist ja so stolz auf den Kommerzienrat, der es vom einfachen Bankkommis „so weit" gebracht hat; man erzählt mit Ehrfurcht von dem Millionär, den „man noch gekannt hat, als er bei seinem Chef die Nägel aus den Kisten zog"! Auch vor dem Knaben habe man die gleiche Ehrfurcht (nicht bloß interessiert lächeln!), der sich derart konzentrieren konnte, daß er auf dem Tische Tasten fühlte, der, ein Orpheus, starres Holz erklingen ließ. Nach dem Abiturium hofft er, sich ganz der geliebten Musik widmen zu können. Aber die Eltern sind dagegen. Geringe Erwerbaussichten? Möglich. Die Eltern, diesem Beruf gewiß fern* stehend, mit den Verhältnissen nicht vertraut, fürchten die Unsicherheit. „Man wird ja nicht gleich, ein großer und berühmter Meister". Das ist bloße Ausrede. In Wahrheit ist die Abneigung jüdischer Eltern, ihr Kind einem Künstlerberuf zu* zuführen im innerst jüdischen Wesen tief verwurzelt. Man läßt sein Kind eben nicht Künstler werden, nicht Maler, nicht Musiker, oder gar „Gott behüte" Schauspieler! Was man auch immer für Gründe vorgibt und vorschützt — glaubt dies: Es ist die unbewußte Abneigung vor dem Götzendienst, ur* alter Ueberrest uralter Gottesfurcht, Religionstrieb, der Freiheit und Zügellosigkeit des Künstlerberufs fürchtet, die Hingabe an die Kunst als Abfall von Gott empfindet. Indem man aber „lernt", kann man Gott dienen. Und das Gelernte muß man zu seinem Preise nützen. Tut man denn nicht Gottähnliches,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.