Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1918-07-01 · Heft 7 (Juli 1918) · p. Seite 207 - 208

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 7 (Juli 1918)
Article
Abraham Epstein
Date
1918-07-01
Page
Seite 207 - 208 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2584078-2584082-2606424--17080-2606466
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

207 Abraham Epstein* 203 ABRAHAM EPSTEIN. Von Samuel Po zn ans ki-Warschau. Mit dem am 1. April in Baden bei Wien ve rschiedenen Abraham Epstein ist wiederum einer der hervorragendsten Vertreter eines im Verschwinden begriffetfen Typus von jüdischen Gelehrten zu IGrabe getragen worden. Der Verstorbene war, um ein talmudisches Bild zu gebrauchen, ein Sebulun und Issachar zugleich, ein Mäzen [und Forscher, ein Mann des praktischen Lebens und des emsigen Studiums in einer Person. Aus1 der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kann man ihm Salomo Buber in Lemberg und' Salome- Chajjim (Halberstamm in Bielitz zur Seite stellen, er übertraf sie aber beide, den einen durch Tiefe und geschärften kritischen Blick, den anderen durch die Vielseitigkeit seines literarischen Schaffens.' Geboren am 12. Dezember 1841 in Starokonstantynow in Wolhynicn1) als Sohn eines reichen, vornehmen und talmudisch gebildeten Kaufmanns, aufgewachsen in einem Hause, das von geistreicher Aufklärerei und von fanatischem Chassiidismus in gleichem Maße entfernt war und in diesem Geiste durch gediegene Plauslehrer sorgfältig erzogen, wurden Epstein alle die Seelenkämpfe und Erschütterungen erspart, die die meisten Söhne des Plaskala-Geschlechtes in Polen und Rußland durchmachten, und so konnte er in seinem PI erzen die Liiebe zur jüdischen Altertumsforschung, die viele seiner Zeitgenossen für einen überwundenen Standpunkt hielten, bewahren. Seine literarische Laufbahn begann auch Epstein als „Maskil"2), also mit losen, quasi-wissensehaftlichen Notizen im Hazofe (literarische Beilage zum Hamaggid) und mit einem Aufsatz über die Weltausstellung in Wien 1S73 im Haschachar. Epstein war nämlich jahrelang Landwirt, interessierte sich für Agronomie und damit zusammenhängende Zweige aus dem Gebiete der Naturwissenschaften und dachte wohl nie daran, ein jüdischer Gelehrter zu werden. Aber ein Zusammentreffen mit manchen Koryphäen der Wissenschaft des Judentums, wieRapoport, Zacharias Frankel und Michael Sachs, und besonders seine Uebersiedelung nach Wien im Jahre 1876, führten ihn auf einen Weg, den er vielleicht sonst gar nicht eingeschlagen hätte, und stellten ihn, in verhältnismäßig kurzer Zeit, in die vorderste J) Die biographischen Daten sind seiner Autobiographie, die in Sokolows „Sefer Sikkaron" (Warschau 1S89) eiscHenen ist, entnommen. 2) Ein vollständiges, von mir verfaßtes Verzeichnis der Schriften und Abhandlungen Epsteins erscheint in der nächster Nummer der Zeitschrift für hebr. Bibliographie. Reihe der jüdischen Gelehrten. Für Rapoport hegte er auch sein ganzes Leben lang eine besondere Verehrung und nahm ihn in Schutz gegen die Angriffe Weiß' in einer besonderen Broschüre, betitelt Dibre Bikkoreth (Krakau 1S9G). Die ersten streng wissenschaftlichen Studien Epsteins, die von 1882 ab meistens in der von Weiß und Friedmann redigierten Monatschrift Beth Talmud erschienen, galten besonders zweien Gebieten': der Entstehungs'- und Entwicklung's1geschichtc des jüdischen Kalenders und dem inneren Aufbau der Midrasch-Literatur. Seine Kalenderstudien sind .allzu hypothetisch und wurden mit Recht von einem der besten Kenner dieses Gebietes, H. J. Bornstein in Warschau, bekämpft. Epstein kehrte zu diesem Gegenstand zurück erst als man unter den Schätzen der Genisa vorher ganz ungeahnte, hochinteressante Dokumente über einen Kalenderstreit zwischen dem Gaon Saadja und dem palästinensischen Schulhaupt Ben Meir aus dem Jahre 922 gefunden hatte, und befand sich auch hier in Widerspruch mit den Untersuchungen Bonistems. Seine midraschischen Studien dagegen haben dauernden Wert, und mit Recht nannte ihn Israel Levi in Paris einen der gediegensten Kenner auf dem Gebiete der Midrasch-Literatur. Seine erste diesbezügliche Studie richtete sich gegen Bubers allzu frühes Ansetzen des von ihm edierten Midrasch-Tanchuma. Schon in diesen ersten Veröffentlichungen zeigten sich alle Vorzüge Epsteins: große Belesenheit in der alten jüdischen Literatur, gesundes, abwägendes Urteil und tief eindringende Kritik. Besonders setzte die Handhabung der streng wissenschaftlichen Methode bei einem Autodidakten alle in Erstaunen. Die kalendarischen Studien führten Epstein auf das pseudoepigraphische Buch der Jubiläen und hier machte er seine erste überraschende wissenschaftliche Entdeckung, nämlich, daß ein kleiner bisher wenig beachteter Midrasch, der sich durch seine originellen Gedanken auszeichnet, und zwar der Midrasch Tadsc'he, der auch als Borajtha des Pinchas ben Jair benannt wird, ein essäisches Geistesprodukt sei und Gedanken dieses Tannaiten enthalte, der Essäer gewesen zu sein scheint, und der vielleicht das1 alte Buch der Jubiläen von neuem redigierte. Der Midrasch Tadsche aber in seiner gegenwärtigen Gestalt ist ein Werk des Mose ha-Darschan (erste Hälfte des XI. Jahrh.) oder seiner Schule und daher mit anderem Midraschim aus dieser Schule (Numeri Rabba und das unten zu erwähnende Bereschith Rabbathi) verwandt. Epstein veranstaltete auch eine kritische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.