Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Sein oder Nichtsein?
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 6)
- Language
- German
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149 Sein oder Nichtsein? 150 der Haßin dieser letzgenannten Klasse eingewurzelt, ist, könnte sich Scheler-aus dem Roman von Reymont „Die Bauern" überzeugen, den kein geringerer als Ulrich von Willarnowitz-Möllendorf in einer ausführlichen Besprechung eine mit homerischer Kunst abgefaßte Epopöe nannte. Bei den Bauern wird der Haß nicht wie bei den höheren Klassen, besonders bei der Bourgeoisie, durch Verständnis für die hohen Werte deutscher Kultur gemildert, er ist massiv, derb, hart und kalt, aus einem Guß,. Die Bauern nehmen ihn überall mit, über den Ozean, nach Amerika, wo ihrer vier bis fünf Millionenleben. Man braucht nicht nach metaphysisch-psychologischen Ursachen dieser Erscheinung zu suchen, sie liegen in greifbarer Nähe. Ohne auf frühere Zeiten und politische Vorgänge zurückzugreifen, hat man in der Gegenwart die Agitation der Alldeutschen vor sich; die Polen, Bauern und Adel in einem ungleich höheren Maße, als der „mittlere Mensch", der kapitalistische Bourgeois, sehen sich von dieser Agitation in ihrem Dasein bedroht, da sie enteignet, von der väterlichen Scholle verjagt und zu heimatlosen Bettlern gemacht werden sollen. Ihre Muttersprache, die ihnen als die „katholische" gilt, in der allein sie zur Allerheiligsten Jungfrau, „der Königin von Polen" beten können, soll ausgerottet werden. Und was die Alldeutschen und Hakatisten in Preußen erstrebten, das verfochten die Deutschradikalen in Oesterreich den Tscheschen gegenüber, nur mit viel geringerem Erfolg, da sie auf einen wohlorganisierten, heftigen und unbeugsamen Widerstand stießen, erregten aber darum eine tiefergehende Erbitterung, einen noch unversöhnlicheren Haß' gegen alles Deutsche. So wurden diese beiden Nationen, die von der Vorsehung zu Vermittlern zwischen dem deutschen Gedanken und der osteuropäischen Welt bestimmt schienen, von dem blinden alldeutschen Fanatismus zu unerbittlichen Feinden des Deutschtums, zu Herolden des Deutschenhasses in der ganzen slawischen Welt gezüchtet. Seht, wie es uns ergeht, so wird es euch ergehen, wenn die deutsche Vorherrschaft in Mitteleuropa begründet ist. Das hallte bis zum Ural hinüber und bis tief in die Balkanhalbinsel hinein. In der romanischen katholischen Welt besitzen die Polen seit jeher enge Verbindungen und Sympathien. Es hat polnische Kurien-Kardinäle gegeben; in den verbreitetsten und einflußreichsten katholischen Orden bekleiden Polen einige der höchsten Würden; der jetzige Jesuitengeneral ist ein Graf Ledochowski, Neffe jenes Kardinals Ledochowski, der als Erzbischof von Posen-Gnesen während des Kulturkampfes „die Märtyrerkrone errang". Im höchsten französischen, italienischen und englischen Adel, der katholisch ist, haben die Polen zahlreiche nahe Verwandte. In Nordamerika leben, wie erwähnt, nahezu vier Millionen Polen, die ein ansehnliches) Element der Arbeiterbevölkerung darstellen, in Südamerika leben ihrer ungefähr zwei Millionen als bäuerliche Kolonisten. Sie alle fühlen sich als Opfer der Alldeutschen und Hakatisten^ ähnliches, wenn auch in geringerem Maße, gilt von den Tschechen. Braucht man da, wie Scheler es tut, auf philosophisch-psychologischem Wege nach den Kanälen zu suchen, durch die der Deutschenhaß über ,die ganze Welt hinausströmte? Es darf dabei nicht übersehen werden, daß die ganze russische rechtsstehende Presse, die doch wahrlich nicht dem „liberalen Bürgertum", diente, Jahre hindurch vor dem Kriege alle gegen die Polen gerichteten Maßregeln in Deutschland (sowie jeden gegen die Tschechen gerichteten Schritt der Deutschen in Oesterreich) lang und breit behandelte, mit Behagen und Wollust aufbauschte, um die bedrückten Völker zur slawischen Solidarität anzueifern, die allein sie vor dem „pangermanischen Moloch" retten könne. Und das geschah in derselben Zeitepoche, als es hieß: „Rußlands Freude ist Deutschlands Freude, Rußlands Schmerz ist Deutschlands Schmerz 1" Als der Fürst Bülow das Enteignungsgesetz durchsetzte, reiste der berühmte polnische Romandichter Sienkiewicz nach Paris und veranstaltete darüber eine Umfrage bei den hervorragendsten Persönlichkeiten der anglosächsischen und romanischen Welt, in der er sich eines großen Ansehens erfreute. Die Antworten ließ, er dann in einem starken Band durch den Druck veröffentlichen. Einer der weisesten und gerechtesten Schriftsteller in Deutschland, der verstorbene Karl Jentsch, schrieb über das Buch in der Wiener „Zeit", es bedeute im moralischen Sinne mehr als eine verlorene Schlacht. Die russische Regierung aber ließt das Buch in einer Million Exemplaren in Frankreich, England und seinen Kolonien und in Amerika verbreiten. Und zwar geschah das in demselben Zeitabschnitt, als der Besuch, des Zaren in Potsdam und nachher der Besuch Kaiser Wilhelms in den finnischen Schären stattfand. Das sind lauter Dinge, von denen Scheler in seiner metaphysischen Weitabgewandtheit keine Ahnung zu haben scheint, die Philosophen suchen häufig im Himmel Dinge, die sich hier auf Erden unter ihrer Nase abspielen. * Einer der mächtigsten Erreger des Hasses, der Haßpotenz, des Haßgefühls schlechthin war während des letzten Menschenalters H. St. Chamberlain, und es bildet eine tragische