Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
- Article
- Meta Cohn-Hendel
- Date
- 1918-05-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 1)
- Language
- German
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135 Meta Cohn - Hendel. 136 META COHN-HENDEL. Von Lothar B r i e g e r. Bei der Beurteilung von Kunstwerken lernt man allmählich zwischen zwei großen Kategorien von Künstlern unterscheiden. Die eine besteht aus den Frühfertigen, die scheinbar von vornherein mit einem in bestimmter Weise eingestellten technischen Apparat an die Arbeit gehen und eigentlich nur noch nötig haben, diesen im Laufe der Zeit in sich immer vollkommener auszubilden, um mit ihm die von der sichtbaren Welt gestellten Aufgaben zu be* wältigen. Aus ihnen setzt sich eigentlich die große Mehrheit aller in der Kunst Tätigen zusammen; ist dieser Art des Künstlers nicht von Hause aus ein* mal umfassende Genialität mitgegeben wie sie etwa Trübner mitbekam, so endet seine Arbeit meist früh in Sterilität und Manier. Die meisten der sogenannten akademischen Maler fallen unter diesen Gesichtspunkt. Die kleinere, aber wirklich frucht* bare, dem tatsächlichen Kunstwerke zustrebende Zahl der Maler besteht aus jenen künstlerischen Temperamenten, die die Welt als eine große, stän* dige Bewegung von Kräften und Wellen empfinden, sich selbst mitten in dieser Bewegung, befähigt, sie objektiv aufzunehmen und subjektiv neu zu formen. Es sind dies Künstler, deren Arbeit eine ständige Entwicklung bleibt, weil eben die Welt unendlich ist und ihnen mit jeder neuen Aufgabe auch wieder eine neue Entwicklungsnotwendigkeit stellt, der ständige Fluß des Lebens sich in ihnen zu einem ständigen Fluß der Kunst umsetzt. Diese Minorität ist für sich und für die Kunst wirklich fruchtbar, wobei der Grad dieser Fruchtbarkeit natürlich eine Frage der Stärke des persönlichen Talentes ist, der Fähigkeit, sich in die immer neuen Aufgaben auch wirklich beherrschend hineinzuwachsen. Wenn wir feststellen, daß Meta Cohn* Hendel, in deren Arbeit diese wenigen Zeilen kurz einführen wollen, zu der zweiten Kategorie der Maler gehört, sind damit Sinn und Zweck dieses Aufsatzes gerecht* fertigt. Schon ein flüch* tiger Blick auf unsere Abbildung gen wird, deutlich ihres Wesens Art erkennen lassen. Meta Cohn * Hen* del ist durchaus Landschaftsma* lerin Als solche verrät sie ihre Zu* kunft dadurch, daß sie erlebt, während sie malt, ja daß sie offenbar völlig außerstande wäre, zu malen ohne zu er* leben. Sie bringt somit die beiden Vorbedingungen für jedereinekünst* lerische Arbeit mit, die hingegebene Aufnahmefähigkeit META COHN * HENDEL Obstgarten (Oelgcmälde) gegenüber der Naturerscheinung und den Willen zum persönlichen Ausdrück der dadurch erregten Gefühle. Da sie noch ein junges, in eifriger und lebendiger Entwicklung begriffenes ehrliches Ta* lent ist, vermögen die beiden Strömungen noch nicht in jeder Arbeit ihrer Hand zum einheit* lieh geschlossenen Werke zu werden, aber in den glücklichen Augenblicken, wo dieses gelingt, ent* stehen Arbeiten, deren Reife und Ernst sich zu einem bedeutenden und hoch zu bewertenden Werke zu* sammenschließen. So will es dem Verfasser dieses Aufsatzes erscheinen, daß die Künstlerin den gro* ßen Rhythmus der Natur in ihrem eigenen Blute empfindet und darin in den Rhythmus der um* schaffenden künstlerischen Arbeit zu übertragen vermag, die musikalischen Tonwerten verwandte Art, in der bei ihr Landschaft und Atmosphäre in individuellem Leben dem betrachtenden Auge entgegenschwingen, ist die durchaus nicht häufige Vorbedingung der echten Künstlernatur und durch keine technische Schulung zu schaffen oder zu ersetzen. Die bisherige Entwicklung ergibt sich dabei leicht der aufmerksamen Betrachtung: zunächst ganz von den großen Tonwerten des Gesamtein* drucks beherrscht, ist die Künstlerin allmählich dazu gelangt, dem ^Großen im Kleinen, dem end* giltigen Eindruck in den ihn begründenden Details nachzugehen, wobei ihr Holzschnitt, Radierung und Lithographie, in denen sie feine und ausgezeichnete Blätter schuf, willkommene HelferundDienerwurden. Was an allen diesen Arbeiten überaus angenehm auffällt und den Ernst ihres Kunststrebens noch ver* tieft, ist ihre völlige sachliche und technische Phrasen* losigkeit, sie verraten nichts von Täuschungs* willen oder Kräfteüberspannung, im Gegenteil herrscht in ihnen der künstlerische Willen zum möglichst reinen und einfachen Aus* druck der Geschau* ten und Gewollten, somit eineTendenz, die alles eigentlich Unkünstlerische von vornherein mit Ernst ausschaltet und daher nie nach irgendwie Falschem und Verfehltem, sondern immer nur nach dem Gr^de des Erreichten be* urteiltwerden kann. Zweifellos wächst hier durchdieSchu* hing des Impressi* onismus ein sehr beachtenswerter deutscher Land* schafter heran. Es wird interes* sant sein, etwas über den Bildungsgang einer derart zu be* trachtenden Künst* lerin zu erfahren. BERLIN