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Ost und West · 1918-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1918) · p. Seite 133 - 134

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1918)
Article
Hermann Cohen
Date
1918-05-01
Page
Seite 133 - 134 (sequence 3)
Language
German
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133 Hermann Cohen. 134 mpirische Mensch, der von Affekten beherrscht ist, ist demnach Träger der Sittlichkeit, sondern die sittliche Vernunft, die sich im gesetzmäßigen. 4(«rechten Handeln verwirklicht. So bilden Natur und Sittlichkeit verschiedene Welten, aber sie widersprechen sich nicht, das Grundgesetz der Wahrheit, die Einheitlichkeit der Methode verbindet sie. Sie beruhen beide auf (irundlegungen des Denkens, das stets denselben logischen Gesetzen gehorcht. Das Sollen bleibt daher nicht ein frommer Traum, sondern realisiert, sich in ewigem Fortschritt, im sittlichen Streben des Menschen. Darum gehört der Zeithegriff der Zukunft zur Sittlichkeit. Die Garantie iber für den Bestand der Menschenwelt und für die fortschreitende Verwirklichung des Sittlichen liegt in der Idee Gottes, die zwischen Logik und Kthik. Natur und Sittlichkeit die Harmonie herstellt. Gott darf jedoch nicht als Person, oder; Geist, und ebensowenig als in der Natur immanent vorgestellt werden. Aller Pantheismus beseitigt den Unterschied von Natur und Sittlichkeit. Krst die Transcendenz Gottes sichert die Selbständigkeit der Ethik, sie bringt Natur und Sittlichkeit in Zusammenhang, ohne ihr verschiedenes Wesen aufzuheben. Die Verwandtschaft, die zwischen dieser •-duschen Anschauung und der Lehre der israelischen Propheten besteht. läß,t sich leicht nach- Aeisen. Der eine Gott, den sie verkünden, ist der Gott der Sittlichkeit, der von der Natur -einem Wesen nach verschieden ist. Sie spekulieren nicht über das Geheimnis seines metaphysischen Wesens, sondern bieten sittliche Belehrung. Darum hebt Cohen mit Recht hervor: Die Sittlichkeit allein ist das Amt dieses einigen Gottes der Propheten. Und wenn dieser > '.ott vom Menschen fordert, daß* er ihn erkenne ind liebe, so fordert er nur, daß: er die Sittlichkeit erkenne, liebe und übe/' In der Abwendung •.on metaphysischer Spekulation und in der strengen Gegenüberstellung" von Natur und Sittlichkeit stimmt demnach die Cohensche Ethik mit er Tendenz des prophetischen Judentums überein. Die Propheten waren es, die auf die Heiligkeit, unbedingte Geltung des Sittlichen mit der ganzen Wucht ihrer Persönlichkeit hinwiesen. Mit dem Begriff des Sittlichen aber haben sie zugleich den Begriff der Menschheit entdeckt. Sie treten nicht nur für das Recht des Fremden ein, sondern auch ihr Monotheismus bedeutet nichts anderes, als die Einheit der Menschheit. ,,Der eine Gott steht nicht nur im Gegensatz zu den. vielen Göttern, sondern auch zu den vielen Völkern.'* Und weil sie in Gott den Schöpfer der Welt erblicken, ist ihnen auch, der Sieg der Gerechtigkeit und des Ericdens eine unentreißbare Gewißheit. Der messianische Glaube an die zukünftige Einheit der Menschheit steht in unlösbarem Zusammenhang mit dem Monotheismus. So finden wir auch die übrigen Grundbegriffe der Cohcnschen Ethik in der Lehre der Propheten: die absolute Geltung des Sittlichen, den Begriff der Menschheit, die Forderung der Gerechtigkeit, die sittliche Aufgabe und die Ueberzeugung von der fortschreitenden Verwirklichung des ethischen Ideals im menschlichen Streben, die ihre Wurzel in der Erkenntnis Gottes hat. Ob trotzdem Cohen mit seiner kantischen Deutung dem prophetischen Judentum in seiner konkreten geschichtlichen Form gerecht geworden ist, soll dahingestellt bleiben. In das Schema Logik, Ethik, Aesthetik läßt sich die Religion nicht ohne Zwang einfügen. Sie muß sich in ihren wichtigsten Fragen, den sittlichen Problemen, von der Ethik belehren lassen, es wird ihr weder eine eigene seelische. Wurzel, noch eine selbständige! Bedeutung im System der Kultur zuerkannt. Der Rationalismus mit seiner auf das Allgemeine gerichteten Tendenz hat Cohen ferner die besondere Form der jüdisch-prophetischen Sittlichkeit nicht scharf genug sehen lassen. Sein Mißtrauen gegen alles Irrationale hat ihm das Verständnis für die eigentümliche Gefühlswelt des jüdischen Glaubens erschwert. Das alles aber mindert nicht das Verdienst, das Cohen sich um das Judentum erworben hat. Er hat ihm nicht nur in dem selbstverständlichen Sinne Treue gehalten, daß er seine religiöse Ueberzeugung nicht geopfert hat, sondern auch in dem höheren Sinne, daß! er für die Ehre des jüdischen Glaubens und für seine Wahrheit mit dem ganzen Reichtum und der ganzen Energie seiner reinen Persönlichkeit eintrat.

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