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Ost und West · 1918-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1918) · p. Seite 85 - 86

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1918)
Article
Wiener Juden
Date
1918-03-01
Page
Seite 85 - 86 (sequence 1)
Language
German
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S5 „Wiener Juden". S6 „WIENER JUDEN"*). Von Lektor. „Alt, blind, leidend und leidvoll habe ich dieses Buch geschrieben." Diese Worte, mit denen der Verfasser seine Vorrede beginnt, sind nicht sehr einladend und nicht geeignet, den Leser zur Lektüre des dickleibigen Bandes von mehr als fünfhundert eng, aber schön gedruckten Seiten anzuspornen. Es kostet förmlich einige Uebervvindung, bis man sich entschließt, darin zu blättern, dann aber läßt man ihn nicht so bald aus der Hand. Ein alter Mann, der tief in den 80er Jahrein steht, spricht hier zu uns; er erzählt, schildert, beschreibt, zürnt, schilt, polemisiert, doziert und peroriert, und alles das mit bewundrnswerter Frische, Kraft, Temperament; man spürt nichts davon, daß er alt, blind, leidend und leidvoll sei. Er fesselt vom Anfang bis ans Ende. Er ist ein Kaufmann von Beruf, ein Mann des werktätigen Lebens, der aber an den Erscheinungen nicht hastend vorbeiging, nur um seinen persönlichen Gewinn oder Verlust sorgend, sondern den tieferen Zusammenhängen nachgrübelte und sich derart aus der unmittelbaren Erfahrung heraus eine Lebensphilosophie schuf. Er hat mehr als drei Viertel eines Jahrhunderts miterlebt, viele Länder und Völker beobachtet, mit einer großen Zahl von hervorragenden Menschen aller Schichten und Arten verkehrt, gelebt und gekämpft. Er hatte Erfolg in seinem Beruf und in seinen Arbeiten, nahm bedeutenden Anteil am öffentlichen Leben, behauptete überall seine Stellung und dürfte sich wohl ■viele Gegner, aber kaum einen persönlichen Feind erworben haben. Was er gesehen, erlebt und erfahren hat, erzählt er; er erzählt glänzend, schlicht und zugleich überlegen, lebhaft und farbenreich, mit packender Realistik; aber das Erzählen genügt ihm nicht. Er will den Leser auch überzeugen. Er hat eine ganze Anzahl von Ideen, die er liebt und eine andere, die er haßt, er will, daß der Leser, gleich ihm, für die ersteren gewonnen werde und die letztere verabscheue. Der Leser ist indessen nicht geneigt, ihm unbedingt Gefolgschaft zu leisten, ihm sind die Adeen, für die der Verfasser streitet, -oder die er bekämpft, entweder überwundene Standpunkte, über die es sich kaum noch verlohnt, sich aufzuregen, oder er nimmt zu ihnen einen dem des Verfassers entgegengesetzten Standpunkt ein. Dagegen lauscht er immer mit größter Spannung seinen Erzählungen und Schilderungen. Hier pulsiert echtes Leben, aus jeder Zeile spricht eine reiche Beobachtungsgabe, tiefe Menschenkenntnis und gereiftes, gesättigtes Verständnis der Welt und ihres Treibens. Es sei jedoch gleich bemerkt, daß: sich ein Mangel fühlbar macht; die gemütliche Seite des religiösen Lebens im alten Ghetto kommt sehr ungenügend zu ihrem Recht. Dagegen treten die Gestalten, als Einzelne wie in Gruppen, plastisch vor das geistige Auge des Lesers. Insbesondere die Frauen, die ohne Sentimentalität und Romantik gezeichnet sind, ohne jene Erotik, die sich häufig hinter frömmelnde Verhimmelung zu verbergen liebt. Da sind z. B. die Geschäftsfrauen, nämlich die Jüdinnen, welche ihren Männern als tätige Mitarbeiterinnen im Erwerbsleben zur Seite standen. „Eigentlich war jede dieser jüdischen Frauen eine scharf umrissene Persönlichkeit. Diese schafft kein Mädchenlyzeum, sondern nur die Arbeit, die Notwendigkeit, zu denken, zu sorgen. Diese Weiber des Ghettos standen dem Manne, d. h. dem männlichen Wesen viel näher, als die heutigen Frauen. Haben sie deshalb an Weiblichkeit verloren? Ja, aber nur in einer Hinsicht, und clas gereichte ihnen, dem Manne, der Familie und der Welt zum Vorteil. Ich habe die Verschiedenheit zwischen dem Denken und *) „Wiener Juden" von Sigmund Mayer, Verlag von Löwit, Wien '1017. FRIEDRICH ADLER Esrogdose und Kiduschbecher Hamburg

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