Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1918)
- Article
- Dr. Echiel Tschlenow
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 67 - 68 (sequence 2)
- Language
- German
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67 Dr. Echiel Tschlenow. 63 Dr. Schnirers, der ihn 1897 in Moskau aufsuchte, nicht Folge. Erst als dieser Kongreß sich als erfolgreich erwies, schloß er sich der zionistischen Bewegung* an und wurde bald ein anerkannter Führer der russischen Zionisten. Am zweiten Kongreß, im Jahre 1898, nahm Tschlenow schon teil, und seitdem fehlte er bei keinem derselben; ein Kongreß ohne Tschlenow war kaum denkbar. An allen wichtigen Bestrebungen beteiligte er sich aufs eifrigste, nicht nur dadurch, daß er Ratschläge gab, sondern besonders auch, indem er in der großen russischen Föderation aufklärend wirkte; er war ein ebenso guter Organisator wie Agitator. So ist der Erfolg, den die Jüdische Kolonialbank durch Absatz ihrer Aktien in Rußland erzielte, zum guten Teile seinen Bemühungen zu verdanken. Auch stand er jahrelang an der Spitze der Nationalfondskommission Rußlands und verstand es in meisterhafter. Weise, die Eingänge desselben zu vermehren. Auch als Zionist behielt er seine Vorliebe für den Palästinismus bei, seine Herkunft aus dem Lager der Chowewe-Zion verleugnete er nie und war sogar stolz darauf. In der ersten Zeit des Zionismus, als die rein kolonisatorische Richtung der Ostjuden mit den politischen Prinzipien der Westjuden im Kampfe lag,, war er es, der stets danach strebte,einen Kompromiß zwischen diesen beiden •' Bestrebungen* durchzusetzen; er suchte Ost und;-West in einer gemeinsamen Formel zu vereinigen. Kein Wunder daher, daß er auch auf deir-Zionistenkongressen als eifrigster Vorkämpfer der Palästinarichtung angesehen wurde; schon am zweiten Kongreß setzte er sich als Referent der Palästinakommission dafür ein, daß man sreh trotz der ungünstigen Verhältnisse nicht mit diplomatischen Aktionen begnüge, sondern im Rahmen der Möglichkeit auch praktische Arbeit in Palästina zu leisten versuche. Jeder Anregung, die im Laufe der folgenden 16 Jahre in der Richtung der palästinensischen Siedlung gegeben wurde, nahm er sich aufs wärmste an, und ohne seine wertvolle Unterstützung hätte wohl weder die ständige Palästinakommission noch später das Palästinaamt der zionistischen Organisation das Licht der Welt erblickt. Auch die genossenschaftliche Bewirtschaftung der Ländereien in Palästina, die in der „Baumspende" zusammengefaßten Aufforstungsbestrebungen, die Organisationen für Parzellierung ländlichen und städtischen Besitzes, die als ,,Palestine Land Development Co.", sowie als Vorstadt Jaffas „Tell-Awiw" später von erheblicher Bedeutung wurden, fanden seine tatkräftige Unterstützung. Ja selbslt mit seinen eigenen Mitteln beteiligte er sich in erheblichem Maße, um' ein (äußerst wertvolles Gut am Tiberiassee der jüdischen Siedlung zu sichern, indem er Teilhaber der „Tiberia-Landgesellschaft" wurde. Ebenso unterstützte er die Bestrebungen, Kunstgewerbe und Frauenhandwerk in Palästina einzuführen, wie sie der Verein „Bezalel" und der „Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit in Palästina" vertraten. Aber neben den wirtschaftlichen Bestrebungen vergaß er auch das kulturelle Element in Palästina nicht; namentlich das jüdische Schulwerk in Palästina lag ihm ganz außerordentlich am Merzen; so trat er warm! für die Errichtung des Technikums in Haifa und die Erwerbung des Bodens für eine Universität in Jerusalem ein, besonders kraftvoll kämpfte er aber für das hebräische Schulwesen, vor allem während der bis zum Kriegereichenden Periode des sogenannten Sprachenkampfes. Der Einfluß, den Dr. Tschlenow auf den Zionistenkongressen ausübte, war ein ■ ganz außerordentlicher, der Ernst seiner'; Ueberzeugung, seine Ergebenheit an die Sache, sejn lauterer, allen persönlichen Einflüssen unzugänglicher Charakter, die Milde seines Wesens, gepaart mit Festigkeit in seinen Zielen und Strenge auch gegen sich selbst, seine innere Aufrichtigkeit, sein Pflichtbewußtsein und andererseits wieder seine Liebe zu den. Menschen und zum Judentum, seine Anhänglichkeit an die Organisation, die Hochhaltung seiner Ideale, seine echt demokratische, alle Söhne seines Volkes in gleicher Weise umfassende Gesinnung und sein unerschütterlicher Glauben an die endliche Erreichung der zionistischen Ziele machten ihn zu einem wirklichen Führer. Ueberkeine wichtige Angelegenheitkonnte verhandelt werden, ohne daß Tschlenow herbeigerufen wurde, in jeder vorbereitenden Kommission hatte er Sitz und Stimme, in den meisten Fällen gab er sogar den Ausschlag. Mit seinem Urteil hielt er gewöhnlich zurück, bis alle die verschiedenen Richtungen zu Wort gekommen waren, ja er bestand auch darauf, daß dies tatsächlich geschah, selbst wenn Nachtsitzungen dadurch erforderlich wurden. Er wollte, daß alles Für und Wider gründlich erörtert werde,