Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 18 (1918)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1918)
- Article
- Mendele Mocher Seforim
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 47 - 48 (sequence 2)
- Language
- German
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47 Julias Wellhausen. 4S bewundernswerter Kunstlerschaft ru einem Instrument dichterischen Schattens ausgebildet. Die Eigentum* lichkeiten seines heimatlichen litauischen Dialektes, die ihn der Mehrheit der Jargon redenden Juden unverständlich machte, legte er bald ab und wählte sich zum Ausdrucksmittel die Sprache der erdrük« kenden Mehrheit der Juden in dem ehemaligen Polenreiche» die im ganzen Süden sowie in Groß* und Kleinpolen, freilich mit erheblichen mundartlichen Unterscheidungen, geredet wurde. Er hat eine große Anzahl von Erzählungen und Bildern in Piosa und in Versen hinterlassen, die insgesamt neun Bände umfassen. Das merkwürdigste und inhaltreichste von ihnen ist»DieKlatsche« (»dasEdel* roß«, nach Schir fiaschirim 1.9.) in welchem er das Schicksal des jüdischen Volkes schilderte in der Gestalt eines verwunschenen Prinzen, den ein Zauberspruch in ein Edelroß verwandelt hat. Das Wert vollste in seinen Schöpfungen, die eingeflochs tenen Naturschilderungen, sind zuweilen von großer Schönheit, eines wahren Dichters würdig. Das Leben der breiten Massen, ihre Aimut und ihren hoffnungslosen Kampf gegen Not und Elend wußte er ergreifend darzusrellen. Die damaligen Strömungen in der russischen Literatur, die die sozialen Gegensätze und Reibungen zu schildern unter* nahmen, fanden auch in seinen Erzählungen einen Widerhall, indem er Typen aus der wohlhabenden Klasse denen der Enterbten gegenüberstellte, ohne jedoch in die tieferen sozialen und wirtschaftlichen Zusammenhänge einzudringen- Dabei kommt seine exakte Beobachtungsfähigkeit und seine große humoristische Begabung, trotz aller Tendenz, rur Geltung. Die weitaus meisten seiner Werke waren indessen für das Verständnis der breiten Massen künstlerisch zu fein und vornehm, ideell zu tief und abstrakt; so ist er denn nicht im entferntesten so populäi geworden wie manche viel schwächere unter seinen Nachfolgern. Seit Beginn der achtziger Jahre kehrte er zu seiner alten Liebe, der hebräischen Sprache zurück, wandte sich aber von dem vorher üblichen einseitig biblischen Stil mit seiner Steifheit und klassischen Feierlichkeit ab und schuf sich aus dem reichhaltigen Sprachmaterial des Talmund und des Midrasch. die er mit unvergleichlicher Meister* schaft beherrschte, einen wundervoll biegsamen, frischen und lebendigen Stil, ohne jedoch zu künstlichen Neologismen zu greifen. Sein Stil ist seither mustergültig geworden und hat schöpferisch gewirkt. Den neuen sozialen Strö? mungen innerhalb des Ostjudentums stand er mit einem wehmütig*skeptischen Lächeln gegen? über, das bisweilen einen pessimistischen Zug annahm. Er verfolgte jedoch bis zum letzten Augenblick seines Lebens alle Bewegungen mit wärmster Anteilnahme des Herzens. JULIUS WELLHAUSEN 1844-1918. Von I e 1 ix Perli-s, Königsberg i. Pr. Von alit-n christlichen Gelehrten, die im letzten Jahrhundert die Religion und Geschichte des alten l-rael /um Gegenstand ihrer I or-chu:igen gemacht haben, ist keiner, auch innerhalb de- Judentums /•j solcher Berühmtheit gelangt, wie der am 7. Januar I Ml S in Güttingen verstorbene Julius Wel I Ii a u s e n, ja. sein Name i-i schon seit Jahrzehnten zu einem Betriff geworden, indem er für weite Kreise einfach die ganze Bihe'.kritik verkörpert, und je nach der religiösen Stellungnahme blicken die einen mit Bewunderung zu ihm auf, wahrend die anderen mit Fntsetzcn sich von ihm abwenden. Auffallender«eise haben aber gerade die Vertreter der Vi" i s <e n s c h a 11 vorn Judentum es meistens unterlassen, /u Wellhaiisens Resultaten Stellung zu nehmen und sich mit den Problemen der Bibelkritik ernster /u beschäftigen. Lediglich einige Vertreter der Orthodoxie, bei denen von vornherein jede Basis für eine Versündigung fehlte, haben im apologetischen Interesse ihre Pfeile gegen den Angreifer der religiösen Tradition gerichtet. Sonst aber ha. nur ausnahmsweise ein jüdischer Gelehrter sich mit Well hauten auseinandergesetzt, und die lautesten Rufer >ni Streite, die ihm begeistert zustimmten oder ihn leidenschaftlieh ablehnten, waren unter den Juden zu suchen, die keine Zeile seiner Schrillen kannten und wohl auch nicht verstanden hätten- Ks wäre nicht ohne Interesse, den tieferen Gründen nachzugehen, aus denen sich die^e kritiklosen Ausschreitungen von rechts und links erklären. Hier genüge die Feststellung, daß man auf der einen Seite Well hausen als den eigentlichen Schöpfer der Bibelkritik und hoidrcker der jüdischen Religionsgeschichte feierie, und auf der anderen Seite ihn a!s einen religionsfeindlichen und namentlich auch judenfeindlichen Stü-mer verketzerte. Beide Auffassungen sind g.eich falsch. We 14 hausen war durchaus nicht der Frste, der die historische Kritik auf die biblischen Bücher anwandte, und seine Anschauungen vom Verlaufe der jüdischen Religionsgeschichte sind, wie er seiher unumwunden anerkannte, gerade im wichtigsten Punkte schon viel früher von verschiedenen anderen Forschern ausgesprochen und ausführlich begründet worden, l'nd eben-owenig darf man ihm religionsfeindliche oder judenfeindliche Tendenzen zuschreiben. Oenn trot/dem er die Gefühle von ungezählten Gläubigen aller Bekenntnis-*- verletzen mußte, war er selbst voll religiöser Wärme und ein viel zu vornehmer Charakter, um antisemitischen Regungen Raum zu geben. Da» schließt