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Ost und West · 1918-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1918) · p. Seite 45 - 46

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Journal
Ost und West
Volume
18 (1918)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1918)
Article
Mendele Mocher Seforim
Date
1918-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 1)
Language
German
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45 Mendele Mochcr Scforiin. 46 MENDELE MOCHER SEFORIM Am S. Dezember vergangenen Jahres verstarb zu Odessa im hohen Alter von S2 Jahren der Nestor der Schriftsteller in jüdischer Sprache, zu* gleich ein sehr einflußreicher hebräischer Schriftsteller, Schalom Jakob Abramowitsch, weit bekannt unter seinem Schriftstellernamen >MCB, dele iMochcr Sefori m« Dieser Name ist bezeichnend für das ganze Wesen und die Schaffens* art des Schriftstellers. »Mocher Seforim« bedeutet nicht einen Buchhändler mit einem wohlassortierten Laden, bei dem die Käufer ihren Bedarf an geistiger Nahrung besorgen und Bestellungen machen, son* dem den »Packenträger«, der mit einem »Pack» Schriften allerlei Arten auf dem Rücken, oder, wenn er das Geschäft in großem Maßstab betrieb, auf einem kleinen Wagen, den er selber kutschierte, von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf reiste und in die entferntesten Winkel einen geistigen Lichtstrahl brachte- Jeder konnte in dem wandelnden Laden dieses Packen* trägers seine Herzenswünsche be* friedigen. iMan fand bei ihm dicklei* bige Talmudfolianten, Maimunis und Ascheris oder Caros Gesetzes* kodices neben Responsensamm? Jungen und Kommentaren, ebenso wie die Moralliteratur, Menorath llamaor und ähnliches, aber auch das Teutsch;Chumesch, Zeena* ureena und die verschiedenen Po* stillen und Techinnoth, die für die Frauenwelt bestimmt waren. Und auch die »schöne Literatur« war vertreten, allerlei »Maaseh*Büchel«, Wundergeschichten, Liedersammlungen, an sich das Herz der weiblichen Jugend > ■ ~ S.J- ' Mcndclc sich hatten, auch noch den Reiz des \erbotenen verlieh. All das zusammengenommen machte den fahrenden Buchhändler ru einer der populärsten und willkommensten Figuren des Ghettos in Litauen und Polen bis nach Odessa hinaus Solch ein Packenträger war denn auch ein weltkundiger und erfahrener Mann, der vieler Städtchen und Dorfs chen Sitten und Leben kennen gelernt hatte und allerlei zu erzählen wußte. Die Maske dieses Packenträgers wählte Abramowitsch für seine lite* rarische Individualität. Er schrieb sein ganzes Leben gleichsam die Denkwürdigkeiten des Packen* trägers. Im Jahre IS55 war er in einem kleinen Land* __ Städtchen Kopil (Gouvernement Minsk) geboren. Er verbrachte eine friedliche und angenehme Kindheit [ und legte unter Anleitung seines j trefflichen Vaters den Grund zu | seiner ausgezeichneten Kenntnis I der Bibel und der talmudischen, namentlich der aggadischen Lite* ratur. Zu jener Zeit war es eine Seltenheit, daß^ ein Talmudbe* flissener sich auch mit der Bibel, be* sonders mit hebräischer Grammatik und Stilistik befassen durfte, wie dies bei dem Knaben Abramo* witsch der Fall war. Ihm ist auch glücklicherweise, dank dem milden und ausgeglichenen Sinne seines Vaters, der Zwiespalt zwischen dem Herkommen und dem »neuen Geist« erspart geblieben, der den meisten seiner Zemie* nossen das seelische Gleichge* wicht raubte. Eist nach dem Tode Vaters begannen für den I L^ ^f ■. j Abrain owitz Mochcr Sefonm) denen an den Sabbat*Nachmittagen oder in den langen Winter* abenden erfreute. Außerdem hatte der Packenträger noch die gebräuchlichsten »heiligen l'tensilien« zu verkaufen, als da sind Zizzith, Gehäuse und Riemen zu den Thephillim, Mesusoth, Amulette verschiedenster Art, gegen alle möglichen l'nglücks* fälle und Gebrechen. Seitdem die »Aufklärung« in das Ghetto eingedrungen war, führte er in einem sorgsam verborgenen Bündel auch allerlei »ver* botene Literatur« und oft nahm er einen Jünger des Bethammidrasch beiseite und bot ihm mit ge* heimnisvoller Miene zu hohem Preise ein Buch an. dessen Besitz gefährlich werden konnte, z. B. eine Bibel mit dem Biur aus der Mendelssohnsch.cn Schule, die hebräische Grammatik von Ben Seev, das Lehrbuch der Logik von Muimuni mit der l'ebcrsetzung von Mendelssohn, ein Heft der Zeit* schrift »Kochbe Jizchak« oder gar ein Büchlein, in dem »kurze Zeilen« übereinandergedruckt waren. Gedichte in hebräischer Sprache, wo von ganz anderen Dingen gesagt und gesungen wurde als in den »heiligen Seforim«. Solche Bücher waren verpönt. Besonders in den Städten, wo die Chas> sidim die Oberhand hatten, bezahlte der. bei dem sie entdeckt wurden, den Besitz mit harten Züch* tigungen und Verfolgungen, l'nd gerade das war es, was diesen Büchern zu dem Wert, den sie an seines vierzehnjährigen Knaben kummervolle Wanderjahre. die ihn aus dem armen Litauen nach dem »geseg* neten« Süden, nach Woühvnien und Podolien führ* ten. Er fand Aufnahme in dem Hause des dazumal berühmten Dichters und Schriftstellers Abraham Ber Gottlober, der al> Lehrer an der »staatlichen« jüdischen Schule in Kamjenez fungierte. Hier fand er Zuflucht und Schutz, erlernte bei der Tochter des Hauses Deutsch und Russisch und verschlang mit Heißhunger die neuere Aufklärungsliteratur in deutscher und hebräischer Sprache. Er verlegte sich auf das regelrechte Studium und erwarb das Lehrerdiplom. Später kam er nach Odessa, wo die seit Jahrzehnten dahin aus Galizien über ßrodv ausgewanderten Juden eine zahlreiche, wohlhabende und gebildete Gemeinde geschaffen harten. Die Hafenstadt am Schwarzen Meere harte sich allmählich, dank diesen Juden, nicht nur zum ersten Handelsplatz Kußlands entwickelt, sondern bildete auch in einem gewissen Sinne ein Zentrum der Aufklärung und der Bildung, welches in die ganze Judenheit Rußlands starke Anregungen hinaus>andte. Abramowitsch wurde dort Lehrer, dann Leiter der jüdischen Schule, dort entfaltete er auch seine Schrirtstellertätigkeit» m:t der er schon in Kamienez begonnen hatte. Er schrieb anfangs nur Hebräisch, aber um zu den weitesten Kreisen des Volkes zu sprechen, fing er an. sich des »Jargons« zu bedienen. Er hat diese Sprache mit

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