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Ost und West · 1917-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1917) · p. Seite 567 - 568

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-11-01
Page
Seite 567 - 568 (sequence 2)
Language
German
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567 Rumänien* und seine Juden. 568. schäftigungslos waren, als Vagabunden behandelt wurden.. Am 5. August erinnerte der Finanzminister durch ein Rundschreiben, daß; es Juden verboten war, Tabaksverkaufsstellen zu halten. Der Oberarzt Dr. Taussig, der seit mehr als zwölf Jahren an der Landesirrenanstalt zu Jassy angestellt war, wurde plötzlich entlassen, weil er angeblich seinen Urlaub in Berlin verbracht und dort gemeinsam «mit den Delegierten der Alliance für die Emarfzipation gewirkt habe; man drohte ihm ob dieses Vergehens sogar mit einem Hochverratsprozesse. Das gleiche Schicksal sollte den stellvertretenden Arzt an derselben Anstalt, Dr. Max, treffen; dieser aber wies nach, daß* er — längst zum Christentum übergetreten war. Zwei weitere jüdische Staatsbeamte, Dr. Plohn, Bezirksarzt in Jassy, und der Gymnasiallehrer Torciner wurden ebenfalls abgesetzt. Niederschlagend wirkte ein Befehl des Generalinspektors der Nationalgarde, Generals Calmesco, der die Legionskommandanten anwies, alle Juden, gleichviel, ob sie aktive Nationalgardistcn waren oder bloßi dem mit der Nationalgafde vereinigten Milizkorps angehörten, bis auf weiteres von jeder Dienstverrichtung zu entheben und weder an den Waffenübungen noch an irgend sonst einem Dienste teilnehmen zu lassen. Diesem "Befehl folgte sogleich ein anderer, daßi man allen Nationalgardisten jüdischer Konfession die Gewehre und sonstigen Ausrüstungsgegenstände abnehmen sollte. Das geschah kaum vier Monate nach jenem begeisterten Dankbrief des1 Generals1 Angelesco an den Präsidenten des Vereins „Zion", der die Dienste des jüdischen. Sanitätskorps nicht hoch .genug preisen konnte. Im ganzen Lande wurden „Widerstand- Komitees TComites de resistan.ee) gegründet, die aus Angehörigen der „Intelligenz" bestanden una die Aufgabe hatten, da^ Volk zum Kampf gegen die Judenemanzipation zu organisieren. Nun ist es1 eine alte geschichtliche Erfahrung, daß; in Zeiten, und in Gegenden, wo ein scharf er Haß: gegen die Juden auftaucht, sich immer, wie gerufen, das Märchen vom Ritualmord einstellt. Eigentlich sollte auch der einfältigste Judenfeind sich sagen: wenn die Juden auch in der Tat von Religionswegen christliches Kinderblut in ihre lOsterbrote kneteten, so müßte ihnen schon ihre Schlauheit gebieten, in derartig aufgeregten Zeiten ein Kompromiß mit ihrem wahnsinnigen Religionsgesetz zu schließen und von diesem unheimlichen Ritus vorderhand abzusehen. Aber nein. Gerade wenn die größten Gefahren, über ihren Köpfen schweben, wenn der Volkszorn gegen sie aufs höchste gereizt ist und die geringste Steigerung zum Gemetzel führen könnte, vermögen die Juden sich nicht zu bezähmen und müssen auch noch ihren Durst nach Christenblut befriedigen. So hat es zu allen Zeiten die Logik des Judenhasses gewollt. Die Wut gegen die Juden schäumte nie infolge eines Ritualmordes auf, der ja in Wirklichkeit nie stattgefunden hat, sondern das Ritualmordmärchen tauchte immer auf, wenn die Wut gegen die Juden, zu irgendeinem Zwecke aufgestachelt werden sollte. Auch jetzt wurde es in Rumänien aufgebracht und in Betrieb gesetzt. Der nationalliberale „Telegraful", Organ, des Ministers Rosetti, versichert am 27. August, daß die Juden zu Pessachi ein Christenkind zu fangen und zu schlachten pflegen, um ihm Blut abzuzapfen. Auch die Cimara- Affäre, die sich so lange hingeschleppt, wurde jetzt lebendig . In der Hitze des Kampfes gegen die Juden bekam natürlich die rumänische Gerechtigkeit ein eigenartiges Gesicht und so wurden am. 28. September sämtliche Anstifter des blutigen Judenkrawalls in Dorobani vom Schwurgericht zu. Dorohoy freigesprochen, die Kläger zur Zahlung der Gerichtskosten verurteilt. Der „Graf" Cimara verklagte nun seinerseits die Juden auf Zahlung einer Entschädigung von fünfundvierzigtausend Dukaten -und es stand außer Zweifel, daß;, wie die Stimmung dazumal war, die Juden zur Zahlung dieser Summe verurteilt werden würden. Das war ungefähr das Hundertfache von dem, was die großen jüdischen Organisationen seinerzeit beigesteuert hatten, um den Geplünderten und Mißhandelten die Prozeßführung zu ermöglichen und sie dazu zu ermutigen. So sahen vorläufig die Früchte des „Sieges duich den Kongreß "aus. Es stellt der großen Maße des rumänischen Volkes ein rühmliches Zeugnis, aus, daß' sie, trotz der gewaltigen, vor keinem Mittel zurückschreckenden Hetze der Regierung und der gewissenlosen Politiker, ruhig blieb und sich nicht zu der kleinsten Gewalttätigkeit gegen die Juden, hinreißen ließ. Das beweist aber auch, wie wenig die große Masse des rumänischen Volkes, gegen eine Gleichstellung der Juden eingenommen war. Es war nichts als eine verlogene Ausrede, wenn die rumänischen Diplomaten den westeuropäischen Regierungen gegenüber geltend machten, sie könnten den Artikel 44 nicht' durchführen, aus Furcht vor der oppositionellen Partei, hinter der die ganze Nation stünde. Die „ganze Nation", das waren eben zwei Häuflein macht- und geldgieriger Politiker, die einander zu verdrängen strebten. Im Kampfe um die Herrschaft warfen, sich. die Parteiführer gegenseitig die Judenfrage an den Kopf, jeder schob dem Gegner die Verantwortung für das „Unglück des Artikels. 44" zu und sie überboten einander in der Ausmalung des Unheils, welches eine Gleichstellung der Juden über das. Land heraufbeschwören müßte. Am ärgsten trieb es der schon genannte „Telegraful" und sein Anhang. Dieses Blatt ließ sich z. B. aus den Dörfern jeden Tag Briefe schreiben, in denen die biederen Landleute, — die, nebenbei gesagt, weder lesen noch schreiben konnten — in einem blumenreichen, mit „gebildeten" Phrasen gespickten Stil den Redakteuren tausend Dank sagten für den im Kampfe gegen die jüdischen Bezwinger des Vaterlandes erwiesenen Mut und sie zum Ausharren anfeuerten, indem sie versicherten, daß. in der Stunde der Gefahr das Volk zu seinen natürlichen Waffen greifen würde, um sich gegen seinen inneren Feind zur Wehr zu setzen. Die jüdische Gemeinde von Bukarest sah sich genötigt, am 5. September eine Deputation an den Minister Rosetti zu entsenden, die ihn darauf aufmerksam machte, daß die unablässigen Hetzartikel in den Zeitungen am Ende doch die leicht erregbaren Volksmassen zu Ausschreitungen reizen könnten. Rosetti empfing die Deputation, sehr freundlich; er versienerte, die judenfeindlichen Artikel seien nur das Produkt Einzelner; ausrichten könne er dagegen nichts, da in Rumänien bekanntlich vollständige Preßfreiheit herrsche; aber er garantierte den Juden die Sicherheit der Person und des Eigentums; im Falle einer Gefahr werde er sie schützen „wie die eigenen Brüder". Bei dieser Gelegenheit erklärte Rosetti, daß er den. in nächster Zeit zusammentretenden

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