Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 513 - 514

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
Rumänien und seine Juden
Date
1917-10-01
Page
Seite 513 - 514 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584076-2606011--16806-2606068
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

513 Vom Büchertisch. 514 dahin, werden auch die diplomatischen Vertretungen in. Bukarest nicht geändert werden. Frankreich und England verlangen sogar, ehe sie Gesandte nach Bukarest schicken, das Kammervotum für die Emanzipation der Juden I Je länger Rumänien diese Frage hinausschiebt, desto mehr Einfluß, gewinnt die Alliance Israelite bei den Westmächten!" Die Mächte konnten aber auch einen anderen Weg wählen : nämlich in Anbetracht der großen Schwierigkeiten, welche die Durchführung der Emanzipation (angeblich) behinderten, der Bukarester Regierung aufs Wort vertrauen, und noch bevor die Bestimmungen des Artikels 44 durchgeführt waren, ihre diplomatischen. Vertretungen hinsenden. Oesterreich-Ungarn war die erste Großmacht, welche , einen außerordentlichen Gesandten in Bukarest ernannte; die erschöpfte und verkleinerte Türkei folgte dem Beispiel. Rußland mußte die Abtretung Bessarabiens und die Besitznahme der Dobrudscha durch Rumänien, sowie "die endgültige Regulierung der Grenze gegen Bulgarien abwarten, ließ, sich aber inzwischen durch einen Ministerresidenten vertreten. Blieben also in der Hauptsache Italien, das Deutsche Reich, Frankreich und England. Warum sollten, sagte sich der Fürst Carol, nicht auch diese Mächte bestimmt werden können, ihm und seinen Ministern in der Judenfrage Kredit zu gewähren? Wenn erst einmal die Großmächte ihre Gesandten in Bukarest akkreditiert hatten, dann mochten die Juden nachsehen, wie sie zu ihrer Emanzipation kamen , Es galt also, die Westmächte umzustimmen. Zu diesem Zweck wurden nacheinander mehrere rumänische Staatsmänner nach den europäischen Hauptstädten, entsandt. Cogalniceano eröffnete den Reigen. In Wien hatte er mit dem Präsidenten der Wiener Allianz, Josef von Wertheimer, eine lange Unterredung. Er erklärte, daß der Nationalstolz der Rumänen tief verletzt war, durch die Bedingung des Artikels 44, der die Souveränität Rumäniens von der Judenemanzipation abhängig machte; Europa habe es leicht, dieses Prinzip aufzustellen, allein es sei ausschließlich Sache der Rumänen, dessen Anwendung mit den Grundgesetzen des Landes in Einklang zu bringen; die Rumänen aber seien sicher, daß. keine der benachbarten Mächte ihnen wegen der Juden den Krieg erklären würde. In. Paris schlug Cogalniceano der Alliance Israelite Universelle einen Ausgleich vor. Darnach sollte die Alliance bis auf weiteres keine Angriffe auf die rumänische Regierung in der Presse zulassen, ferner sollte sie auf die nationalen Wünsche der Rumänen eingehen, vor allem — die Räumung des Landes von der russischen Besatzung beschleunigen helfen, dann, wenn die Revisionskammern (die Konstituante) zusammentritt, die bedeutendsten Vertreter des Judentums nach Bukarest entsenden, damit sie vor dieser erlauchten Versammlung die Sache ihrer Glaubensgenossen verteidigen könnten. Unter diesen Vorschlägen ist der interessanteste die Zumutung an die Alliance, sie solle die Räumung B&ssara'biens von den russischen Truppen beschleunigten helfen. Der rumänische Staatsmann tat, als ob er den Einfluß, der Alliance für mächtig genug hielt, die Entschließungen der Großmächte zu lenken. Das war eine in spaßhafte Form gekleidete Ablehnung. Bei der französischen Regierung hatte der Rumäne indessen kein Glück. Waddington, der auf dem Kongreß den Artikel 44 beantragt und begründet hatte, lehnte es ab, dem Beispiel der Ostmächte zu folgen. Nach Bukarest zurückgekehrt, richtete Cogalniceano an die Regierungen eine Zirkularnote, in der er erklärte, sein Land wäre entschlossen '<sich dem Willen Europas zu fügen und an dessen Verwirklichung zu schreiten. VOM BUECHERTISCH. ..Die Propheten" von Hermann Gunkel betitelt sich die neueste Publikation des bekannten Bibelforschers. Gunkel gehört zu den radikalsten Bibelkritikern, die keine dogmatische Rücksicht in. der Behandlung des Textes beengt. Glücklicherweise wird bei ihm der Drang, mit dem überlieferten. Wortlaut unserer heiligen Schriften nach Belieben, umzuspringen, gehemmt durch ein ausnchmlich feines, ästhetisches Empfinden, sowie durch eine ungleich lebendigere und innigere Kenntnis des Hebräischen, als sie bei den meisten seiner Fachgenossen anzutreffen ist, die diese Sprache in heißem, hartem Bemühen erlernt haben, aber über Grammatik und Wörterbuch zeitlebens nicht hinauskommen, und für die das ganze wundervolle Gewebe der biblischen Prosa und Poesie immer von. neuem in einen Haufen von Vokabeln, und grammatischen Formen auseinanderfällt. Gunkel dagegen ist ein Nachempfinder ersten Ranges und versteht es meisterhaft, sich in die Seele der alttestamentlichen Dichter und Schriftsteller zu versetzen. Darum stören bei ihm die x) Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1917. bibclkritischen. Velleitäten ungleich weniger, als bei anderen Forschem. Dagegen ist es sehr lehrreich, zu sehen, welch eine überwältigende Wirkung die Propheten, ausüben, auch wenn eine radikale Anschauung ihre Bücher ganz wie Dokumente weltlicher Dichtung behandelt. Schon die Gruppierung der Propheten, in „Heil- und Unheilspropheten", hat etwas Befremdendes, um nicht zu sagen Verletzendes. Sie ist, auch vom Standpunkt desr Verfassers betrachtet, nicht glücklich, denn sie erweckt die Vorstellung, daßi die großen Propheten, Arnos, Flosea, Jesaia, immer ihrem Volke oder der Welt Unheil verkündet hätten, während in Wirklichkeit gemeint ist, daß sie das heraufziehende Unheil vorausgesehen, davor gewarnt haben und zur Umkehr mahnten, als dem einzigen Mittel, das Unheil abzuwenden. ._Da.s Buch zerfällt in. vier Abteilungen. ...Die geheimen Erfahrungen der Propheten", in welchem der Verfasser mit den. Mitteln der modernen Psychologie und vergleichenden Völkerkunde die Pro>- phetie als seelische Erscheinung zu analysieren, versucht. Es ist interessant, daß' hier die Ausführungen Gunkels sich in mehr als einem Punkte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.