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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 491 - 492

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
Israel Lewy
Date
1917-10-01
Page
Seite 491 - 492 (sequence 3)
Language
German
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491 Die Moralisten. 492 der unerbittlichen Strenge seines Pflichtgefühls, von dem Ernst, mit dem er um die Frucht wissen* schaftlichen Forschens rang und von sich das Höchste forderte, ergriffen und geformt worden. Sie überließen sich um so bereitwilliger dem Einfluß, der von seinem Wesen ausstrahlte, weil sie deutlich die wohlwollende Güte und die Ehrfurcht vor seelischem Leben fühlten, die jedem bedeutenden Erzieher eigentümlich sind. — Dieses ganze reiche Leben hat seinen Segen in stiller Zurückgezogen* heit entfaltet. Mit aristokratischer Zurückhaltung und vornehmem Selbstbewußtsein hat Lewy sein Werk getan, ohne sich um die Oeffentlichkeit zu kümmern. Vielleicht aber dringt jetzt nach seinem Tode dennoch in weitere Kreise die Erkenntnis, daß das Judentum der Gegenwart mit ihm eine der be? deutendsten Persönlichkeiten verloren hat, deren Ver* lust um so größer ist, weil niemand ihn ersetzen kann. DIE MORALISTEN. Eine Sektengeschichte aus der jüngsten Zeit Von Dr. A. Kahn. In den Städtchen des besetzten Gebietes von Litauen und Kurland erlischt jetzt das letzte Zucken einer Bewegung, die noch vor zwei Jahrzehnten weite Kreise um sich zog. Damals schon war ihr Niedergang zweifellos, aber sie hatte noch Wurzeln in manchen Schichten der Judenzeit jener Gegenden und warf sogar Reflexe hinüber bis nach Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vorgänge der nachfolgenden Jahre zehrten den Rest der geistigen Kraft dieser Bewegung und ihrer Träger auf, und der Weltkrieg, der alles von unterst zu oberst gekehrt, hat die letzten Trümmer vollends hinweggeräumt. Es dürfte jetzt von besonderem Interesse sein, die Geschichte dieser Bewegung, ihre Ausbreitung und ihren Untergang4 sowie das Wesen jener Persönlichkeit, der sie ihre Entstehung verdankt, kennen zu lernen. Die „Moralisten" (baale ha musar), von denen hier die Rede sein soilj können allerdings nur in jenem übertragenen Sinne als Sekte bezeichnet werden, in welchem diese Benennung auf alle religiöse und kulturelle Parteibildung innerhalb des jüdischen Volkes angewendet wird, mit Ausnahme des Kariiertums, dessen Anhänger allein sich tatsächlich zu einer Sondergemeinschaft innerhalb des Judentums herausgebildet und mit der Zeit sich so weit von ihm entfernt haben, daß sie weder die Grundlehren: noch die Stimmungen noch auch das Schicksal des Gesamtvolkes teilten. Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass auch die anderen Parteirichtungen, wie z. B. der Chassidismus, die Fähigkeit in sich trugen, Spaltungen innerhalb des Judentums hervorzurufen, und nur die geschichtliche Lage dies verhinderte. Wenn die „Moralisten" es nicht einmal zu solchen ausgedehnten Gemeindebildungen gebracht haben, wie die Chassidim, so lag das an der Ungunst der Zeitumstände ebensowohl, wie an der Dürftigkeit der Gedanken, mit denen ihre „Lehre" um Anhänger warb. Noch vor etwa fünfundzwanzig oder dreissig Jahren konnte der Besucher kleiner litauischer und kürländischer Städte, aber auch grösserer Gemeinden, wie Wilna und Kowno, in irgend einer Ecke der Judengasse ein seltsames Haus finden, das „Beth ha musar" (Haus der Moral). Aeusserlich sah es aus, wie jede kleine Synagoge in jenem Ghetto, eine „Klaus" oder ein Bethammidrasch, halb Betlokal, halb Schule, oder richtiger: beides zugleich. Das Haus stand denn auch jedermann offen. Alte und Junge, Reiche und Arme, Kaufleute und Handwerker gingen darin aus und ein. Betrat man aber das Innere, zumal in der Stunde der Abenddämmerung, so gewahrte man sogleich, dass man sich in einer Anstalt befand, die sich sowohl vom hergebrachten Bethaus, als auch von der Talmudschule bedeutend unterschied. Weder sassen an den langen breiten Tischen junge Leute über grosse Folianten gebeugt, und „lernten" mit lauter Stimme, in dem üblichen Singsang der Talmudbeflissenen, noch standen Gruppen herum in gemütlichem Geplauder, den Gottesdienst erwartend, noch vernahm man die Stimme der Betenden, die auf den Vortrag des Kantors antworteten. Es bot sich dem Besucher vielmehr ein Bild, das ihn äusserst fremdartig anmuten musste, und in jüdischen Gemeinden früherer Zeiten ganz undenkbar gewesen wäre. Den Raum betritt ein Mann, lässt sofort den Kopf auf die Brust sinken, stellt sich1 in einen Winkel hin und wendet das Gesicht der Wand zu. Er kümmert sich offenbar nicht im geringsten darum, ob noch jemand im Saale anwesend ist, jedenfalls nimmt er keine Notiz von ihm. Er stützt den Kopf auf die Arme, verhüllt das Gesicht mit den Händen und versinkt in Sinnen. Worüber grübelt er? Ist es etwa ein schwieriges halachisches Problem, eine „herbe" Stelle im Maimuni, ein Widerspruch zwischen zwei Aussprüchen des Talmud oder eine wichtige religionsgesetzliche Frage, aus dem Gebiete des Eherechts, der Sabbat- und Festritualien, oder der Speisegesetze, das dringend der Entscheidung harrt und dessen Lösung ihm soviel Kopfzerbrechens verursacht? Weit gefehlt! Der Besucher

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