Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Israel Lewy
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 489 - 490 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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489 Professor Lewy. 490 der Gegenwart erkannte, so auch ihr tiefstes und umfassendstes Problem, die religiöse Frage in ihrer ganzen Größe und Schwere erlebt und durchdacht. Sie mußte seine leidenschaftliche Seele um so stärker aufwühlen, als in ihr Vergangenheit und Gegenwart in Kampf gerieten, und beide mit gleicher Kraft und Entschlossenheit ihr Recht vertraten. In ihm lebte noch die schlichte, gläubige Frömmigkeit des alten, vom Geist der Neuzeit noch nicht be* rührten und aufgelösten Judentums, und mit dieser reinen Einfalt des Kinderherzens verband sich die Entschlossenheit eines wissenschaftlichen Erkenntnis* triebs, der für die Wahrheit alles hingibt, sich durch keine Rücksicht auf Tradition und Dogma binden und beschränken läßt. Aus dieser Zwiespältigkeit des Wesens stammten die schweren religiösen Kämpfe, die er durchlebte. Die Lösung aber, die er für sein per* sönliches Leben fand, offenbart uns nur, daß sich in ihm überliefertes Judentum und modernes wissen* schaftliches Denken in gleicher seelischer Stärke gegenüberstanden. Sein religiöses Handeln war bis in die geringste Einzelheit durch die Ueberlieferung bestimmt,. und die Innigkeit und ekstatische Glut seiner religiösen Pflichterfüllung war von einer erschütternden Gewalt, sein religionswissenschaftliches Denken aber blieb , von diesem heißen Atem mystischer Frömmigkeit vollkommen unberührt und bewegte sich stark und frei in einer erstaunlich hellen, von nüchterner Sachlichkeit be* stimmten Welt. Liegt darin die Tragik seines Lebens, daß die geschlossene Einheit der Persönlichkeit ihm versagt blieb, so besaß er damit aber auch den Segen zweier Lebensformen, er empfand die reinen Freuden wissenschaftlichen Erkennens und trug in der letzten, unbewegten Tiefe seines Wesens den Frieden schlichtet Gläubigkeit. Der Gegensatz von Vergangenheit und Gegen* wart wirkte auch in seine wissenschaftliche Arbeit stark hinein. Prof. Lewy beherrschte mit vollendeter Meisterschaft die überlieferte Methode des Talmud* Studiums und dennoch wandte er mit entschlossenem Willen sich von ihr ab und schloß sich an Zacharias Frankel in dem Bestreben nach philologisch*histo* rischer Erforschung des Talmud an. Welch große Aufgabe er sich damit stellte, kann nur der er* messen, der das unübersehbare Gebiet rabbinischer Studien kennt und weiß, wie hier die Hilfsmittel, über die die geschichtliche Philologenforschung sonst verfügt, sich nur kümmerlich darbieten, und wie verwickelt und undurchsichtig die Probleme sind, Prof. Dr. Israel Lewy und die Verbindung juristischen und philologischen Denkens die Voraussetzung fruchtbarer Arbeit bildet. Um so bewundernswerter aber ist die geniale Sicher* heit, mit der Lewy die ursprüngliche Form einer religiösen Tradition durch alle Hüllen hindurch, die eine spätere Zeit über sie gebreitet hatte, er* kannte und wiederherstellte. Je größer hier die Gefahr geistreichen Kombinierens und blendenden Spielens bei dem Fehlen geschichtlicher Ueber* lieferung war, die es ermöglicht hätte, die Ergebnisse des Forschens nachzuprüfen, um so mehr verdient die unbestechliche Wahrhaftigkeit Bewunderung; mit der Lewy jede »geistreiche« Theorie vermied und nur das Einfache und Schlichte gel* . . ' . ten ließ. Weil er die ganze Schwie* rigkeit talmudischer Forschung so deutlich kannte, hat er seine Er* gebnisse auch so vorsichtig und behutsam ausgesprochen, und aus demselben Grunde intellektueller Gewissenhaftigkeit ist sein wissen* schaftlicher Nachlaß im Gegensatz zu seiner staunenswerten Gelehr* samkeit und Produktivität so auffällig klein. Das Verzeichnis seiner Ar* beiten ist in der Geschichte des jü* disch * theologischen Seminars zu Breslau zu finden, die als Fest* schritt zum fünfzigjährigen Jubiläum der Anstalt erschienen und von Prof. Dr. Brann geschrieben ist. Es umfaßt Erläuterungen zum palästinensischen Talmud * Traktat Nesikin, Studien über einige Fragmente aus der Misch* na des Abba Saul, über Spuren des griechischen und römischen Altertums im talmudischen Schrifttum, über das jüdische Gebet, über die Mechilta des Rabbi Simon und über das Ritual des Pessachabends. Trotz der geringen Anzahl und des bescheidenen Umfangs seiner Schriften aber hat Lewy sein um* fassendes Wissen und seinen seelischen Reichtum fruchtbar zu machen verstanden: in der Unter* Weisung und Erziehung seiner Schüler, der zahl* reichen Rabbiner, die er für ihr religiöses Lehramt ausrüstete. Seiner pädagogischen Einsicht entging es nicht, daß es bei der Bildung werdender Menschen weniger darauf ankommt, bestimmte Kenntnisse und stoffliches Wissen einzuprägen, als geistige Kräfte zu wecken und zu schulen und ideales Streben wachzurufen und lebendig zu erhalten. Von diesen Grundsätzen war seine Lehrtätigkeit beherrscht, und jeder seiner Schüler hat es dankbar und ehrfürchtig empfunden, daß hier eine reine und bedeutende Persönlichkeit in sein Leben und seine seelische Entwicklung eingriff. Jeder einzelne seiner Schüler ist von der Glut seiner religiösen Begeisterung, von