Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1917)
- Article
- Gedanken zu einer Neugestaltung der musikalischen Liturgie der Synagoge
- Date
- 1917-10-01
- Page
- Seite 487 - 488 (sequence 2)
- Language
- German
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487 Professor Lewy. 488 ich unmittelbar zu einer Neukonstruktion der alten Tempelmusik in Form unseres modernen Orchesters. Die Synagogen, die im Besitze einer Orgel sind, brauchen diese um des* willen nicht aus dem Hause zu bannen; dagegen können die neu zu erbauenden Gotteshäuser gut und gern auf dieses „kostbare" Instrument verzichten. Das ergibt dann schon eine große Ersparnis im SynagogensHaushaJt, die für die Unterhaltung des Orchesters frei wird. Aber auch das Orchester, das ich vorsehe, soll nicht das große Symphonieorchester sein, vielmehr ein kleines gewähltes, zu dem ich mir nicht mehr als 18 Mitwirkende denke, das aber trotzdem alle Schattierungen in sich birgt, von denen auch in der alten Tempelmusik die Rede war und noch einige andere darüber hinaus, wie sie uns die Neuzeit zugänglich gemacht hat*)- Die Unterhaltungskosten einer solchen kleinen Kapelle dürfte, eine geringe Preissteigerung der Eintrittspreise an den hohen Festtagen vorausgesetzt, eine Erhöhung des Ausgabenetats kaum nötig machen. Aber auch der Chor soll eine andere Gestaltung erfahren. Da ernicht mehr in gleichem Maße wie früher im Vordergrunde stehen soll, kann der Männerchor etwas verkleinert werden, und statt des Frauenchors soll der alte, immer wieder wunderbar wirkende Knabenchor aufs Neue eingeführt werden. Natürlich kommt die Art der Chorbehandlung, wie ich sie im Auge habe, dieser Chorzusammensetzung besonders entgegen. Ist es mir auch durchaus bewußt, daß es mir mit diesen mehr theoretisch gehaltenen Darlegungen nicht vergönnt ist, auf die Allgemeinheit einen direkt überzeugenden Eindruck zu machen, so wird es doch nicht ausbleiben, daß es einer Minderheit, zumal der musikalischen, einleuchten dürfte, daß auf dieser meiner Grundlage etwas durchaus Neues, ja wohl Frappierendes zu schaffen möglich sei, vielleicht ge* eignet, dem religiösen Geist im Judentum von der Musik aus einen neuen und starken Anstoß zu geben- Ich habe bei alledem unausgesprochen gelassen, inwieweit im gesungenen Wort das Hebräische, in? wieweit das Deutsche herangezogen werden soll. Ich halte auch dies Moment für kaum ausschlage gebend. Denn das Wort kann ebensowohl im Urtext wie in derUebersetzung dem Ton angepaßt werden. Viel wichtiger scheint es mir — ja als Kern der ganzen Darlegung — wenn es einmal gelänge, für alle deutschen Synagogen der „mitte leren Linie" eine auf der genannten Grundlage beruhende einheitliche musikalische Liturgie zu schaffen, so zwar, daß sie den Grundstock für alle Schattierungen der Andacht bilden würde und es jeder Synagoge überlassen bliebe, je nach älterer oder neuerer Auffassung im Urtext oder in der Ueber? Setzung davon nach Bedarf Gebrauch zu machen. Nichts stände natürlich dem im Wege, eine solche Idee auch über die deutschen Grenzpfähle hinaus ins Ausland zu tragen. Denn die Musik ist ebenso international wie das Judentum in seiner Andachts? Übung. Doch wäre es mir schon Genugtuung, auf dem heimischen Boden die Aussaat dieser meiner Gedanken keimen zu sehen, in welcher Form auch immer den hier gegebenen Anregungen ersprießliche Folgen erwachsen würden. ISRAEL LEWY. Von Rabbiner Dr. L e w k o w i t z, Berlin. Am 8. September starb in Breslau nach 34jährigem Wirken Prof. Dr. Israel Lewy, Dozent und Rabbiner am jüdischetheologischen Seminar. Am 1. April 1883 hatte er als späterer Nachfolger seines Lehrers Zacharias Frankel sein Amt angetreten, nachdem er 11 Jahre hindurch an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin doziert hatte. Er kehrte so als Lehrer in dieselbe Anstalt zurück, die er einst als Lernender besucht hatte. *) Die Orchesterbesetzung ist als folgende gedacht: Streichs quintett, bestehend aus 3 I., 2 II, Geigen, 1 Bratsche, 2 Celli und einem Baß; 1 Flöte, 1 Klarinette, 1 Oboe (gleichzeitig Englisch * Hornl) 2 Trompeten, 1 Posaune, 1 Schlagzeug (Pauken), 1 Kunstharmonium mit Celesta, (von Simon oder Schiedmayer) 1 Harfe. (Natürlich kämen kleine Gemeinden nötigenfalls auch mit viel kleinerer Besetzung aus.) Wenn es das Kennzeichen eines reichen Lebens ist, daß sich in ihm mannigfache Gegensätze spannen und lösen, dann hat das Schicksal das Leben dieses Gelehrten reich gesegnet. Seine äußere Erscheinung schon barg einen starken und wirksamen Kontrast. Auf einem auffallend kleinen, zarten Körper von rührend kindlicher Hiflosigkeit ruhte ein bedeu« tender Kopf, und in ihm leuchteten dunkle Augen, aus denen ein leidenschaftlich starker Wille und eine männlich tapfere, freie, große Seele sprachen, und die ruhige Gleichförmigkeit eines stillen, weit* abgeschiedenen Gelehrtendaseins deckte seelische Kämpfe von ungeheurer Wucht. Prof. Lewy hat, wie er in der Stille seiner Einsamkeit mit gespannter Seele den Wellenschlag des modernen Lebens hörte und mit rätselhafter Intuition die bewegenden Kräfte