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Ost und West · 1917-10-01 · Heft 10 (Oktober 1917) · p. Seite 485 - 486

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 10 (Oktober 1917)
Article
Gedanken zu einer Neugestaltung der musikalischen Liturgie der Synagoge
Date
1917-10-01
Page
Seite 485 - 486 (sequence 1)
Language
German
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485 Bogumil Zepler. 486 GEDANKEN ZU EINER NEUGESTALTUNG DER MUSIKALISCHEN LITURGIE DER SYNAGOGE. Von Dr. Bogumil Zepler Ueber die Stellung der Musik im jüdischen Gottesdienst wechselten die Anschauungen unserer Vorfahren zu verschiedenen Zeiten. Heutzutage unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß es der Musik vor allem vorbehalten sein muß, die starke Werbe? kraft zur Ehre Gottes zu üben, die sie offenbar auch schon im alten Tempel zu Jerusalem geübt hat. Ueber die Art, wie dieses zu geschehen habe, können die Ansichten naturgemäß verschieden sein. In jedem Falle aber dürften diejenigen eines Musikers von Fach und Komponisten, die ihm in gleicher Weise Herzenssache sind, wohl Anspruch erheben, an diesem Ort gehört zu werden. Ein Hauptleitsatz, von demich beimeinen hier niedergelegten Vorschlägen ausgehe, ist, daß die Musikalität der neuen jüdischen Andacht, der Ein? druck, den diese auf den Kenner, namentlich aber auch auf den Nichtkenner machen soll, e i n gänzlich neuer, vom Gottesdienst Andersgläubiger durchaus abwei? chender und dennoch tief feierlicher sein soll. Ich habe in jüngeren Jahren orthodoxen wie modernen jüdischen Gottesdiensten viel beigewohnt, und so glaube ich mir heut über Vor? züge und Schwächen des musikalischen Anteils beider Andachtsarten ein durchaus objektives Urteil zu? trauen zu dürfen, ein Urteil, aus dem sich in mir allmählich die Erkenntnis einer einzig möglichen Umgestaltung der alten zu einer neuen, neuzeitlichen musikalischen Liturgie herauskrystallisierte. Ohne hier auf den musikalischen Charakter der einzelnen Gebete eingehen zu wollen, fiel mir nämlich als Allgemeinbeobachtung des orthodoxen Gottesdienstes auf, daß er als Ganzes betrachtet vom musikalischen Standpunkt wie eine ungeheure Symphonie oder besser Rhapsodie der Klage und Trauer wirkte, Gefühlsäußerungen, denen ja heut? zutage bis zu einem gewissen Grade der Boden entzogen ist. Noch weniger eindrucksvoll aber wirkten auf mich musikalisch die unter Orgelbe? gleitung und Chorgesang abgehaltenen „moder? neren" Gottesdienste der „mittleren Linie", wie sie wohl den größten Teil der größeren und kleineren deutschen Gemeinden ausmachen. Aus der Zeit des Freidenkertums und des Assimilationsbedürf? nisses der Juden an Andersgläubige geboren, zeigen sie eine Verschmelzung des im sogenannten „Niggun" zum Ausdruck gelangenden alten oder orthodoxen Tons mit dem christlichen Choral in einer neuzeit? licheren Aufmachung, die etwa Mendelssohn?Bar? tholdy zu ihrem Vorbild haben dürfte. Trotz manches Guten, das dazu Lewandowski und andere beizusteuern wußten, wirkt dieser noch jetzt zu Recht bestehende Gottesdienst mit seinem unendlichen Abwechseln orientalischer Psalmodie und okziden? taler Choralstimmung auf den ästhetischer ver? anlagten Hörer als eine beispiellose Stillosigkeit. Gedankenlos hatte man Chor und Orgel aus der christlichen Kirche übernommen, gedankenlos beiden zuliebe auch die musikalischen Vorbilder auf die Synagoge übertragen. So kam ein musikalischer Zwitter zustande, von dessen Mangel an Charakter man sich eigentlich wundern sollte, daß er so lange der Zeit standhalten konnte. Ich weiß, das sind scharfe Worte und dem Andächtigen, der in diesem Gottesdienst von Kin? desbeinen an groß geworden, werden sie als Felonie erscheinen. Ich würde mich aber nicht eines solchen Urteils unterfangen haben, wenn ich nicht der sicheren Erkenntnis wäre, man könne statt des Alten, zum Teil Ueberlebten, etwas Neues bei wei? tem Kraftvolleres setzen. Die Neuerungen in der musikalischen Liturgie, die mir vorschweben, sind zweierlei Art. Sie beziehen sich einmal auf die Komposition, zum anderen auf die Art ihrer Ausführung. In der Komposition gibt es wiederum zwei Hauptpunkte, denen gesonderte Aufmerksamkeit zuzuwenden ist. Der eine betrifft den alten „psalmodischen" Ton, der künstlerischer, origineller in seiner Fassung als bisher auszuge? stalten wäre, vor allem Wertvolles von Wertlosem zu sondern hätte. Der andere Punkt — der wich? tigere — beabsichtigt nicht mehr und weniger, als all jene nach „westlichen" (meist deutschen) Vor? bildern geschaffenen Melodien mit ihren mancherlei Banalitäten auszumerzen und durch Neuschöpfungen in stilgemäßerer Form zu ersetzen. Das Besondere, aber auch Schwierige dieses Problems liegt darin, zu jenem alten orientalischen Moll der Klage vergangener Zeiten ein Dur der Freude zu finden, das sich wie selbstverständlich der Stimmung des ganzen einfügt. Hier liegt eine Aufgabe vor, der nur ein Komponist von Rang, der aber gleichzeitig Herz und Gefühl für die „alten Weisen" in sich trägt, gerecht werden dürfte- Die bisher üblich gewesene Art der großen Synagogen, einem musikalisch gut durchgebildeten Chordirigenten eine solche Arbeit zu übertragen, kann durchaus keine Gewähr für eine über den Durchschnitt sich er? hebende neue liturgische Kunstschöpfung abgeben. Ich komme nun zum zweiten Teil — zur A u s? f ü h r u n g dieser Kunstschöpfung. Damit gelange

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