Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1917-09-01 · Heft 9 (September 1917) · p. Seite 407 - 408

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 9 (September 1917)
Article
An den Pforten der Ewigkeit
Date
1917-09-01
Page
Seite 407 - 408 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584069-2584075-2605917--16699-2605959
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

407 An den Pforten der Ewigkeit. 408 AN DEN PFORTEN DER EWIGKEIT. Skizzen zur Volkskunde der Juden. Von Bar-Ami. Die Lebensanschauung eines Volkes kann man am besten an seiner Auffassung des Todes studieren. Der Tod ist das wichtigste Ereignis im Leben, erschüttert die Grundfesten des Daseins am tiefsten und gibt den Menschen die schwierigsten Rätsel auf. Bekanntlich leitet eine ganze Schule der modernen Soziologie die wichtigsten Tatsachen des Seelenlebens, wie den Unsterblichkeitsglauben, ja sogar die Gottesvorsieilung und die gesamte Religion, von den Eindrücken her, die der Tod auf die Psyche des primitiven Menschen macht. Allein auch für die Kenntnis der Kulturvölker ist die Art, wie sie sie sich mit der Tatsache des Sterbens abfinden, von höchster Wichtigkeit. Dabei kann man bemerken, dass ein gemeinsamer Grundton den Glauben, ja den Aberglauben des einfachsten Mannes aus dem Volke mit den Anschauungen der erlesensten Geister, so hoch sie sich auch erheben mögen, noch immer auf irgend eine Weise verbindet. In den meisten Fällen sendet der Tod die Krankheit als seine Vorbotin. Ein plötzlicher Tod, ohne vorangehende Krankheit, wurde von den Juden seit Gertrud Flatow * Drucker: Landschaft altersgrauer Zeit als ein schweres Unglück, ja als eine Strafe des Himmels angesehen. Eine alte, im Talmud aufbewahrte Sage, lässt die Krankheit vor dem Tode als eine Spende der göttlichen Barmherzigkeit erscheinen, die den Sterblichen Zeit lässt, vor ihrer Abberufung hienieden ihre Dinge in Ordnung zu bringen, den Ihrigen ihren Willen kund zu tun und Abschied von ihnen zu nehmen. Die Liebe zum Leben ist ein seit altersher beobachteter Zug des jüdischen Charakters. Jede Zeile der Bibel gibt Kunde davon, wie sich die Juden an das Leben klammern. Muhammed sagte: „Jeder Jude möchte gern tausend Jahre leben." Man kann behaupten, das Ideal des Juden ist, lang zu leben und kurz zu sterben. Doch, wohlgemerkt, nicht etwa plötzlich Drei bis fünf Tage vor dem Tode krank zu sein, das galt als das Natürliche. Einen Kranken zu besuchen, um ihm Zuspruch und Beistand zu spenden, galt und gilt als eine der grössten unter den guten Taten, eine von denen, welchen „kein Mass gesetzt ist". Durch Krankenpflege erfüllt der Mensch die Nachfolge Gottes, denn Gott in eigener Person besucht die Kranken. Rabbi Akiba besuchte einen seiner Schüler, der krank darniederlag, und verrichtete an seinem Lager die niedrigsten Dienste. Wer keine Kranken besucht, der gleicht einem, der Blut vergiesst. Den Krankenpfleger erwartet dagegen der höchste Lohn: er widersteht der Macht des bösen Triebes (Jezer Hara) und ist dem Gerichte der Hölle entzogen. Krankenpflege ist einer jener Liebesdienste, die man auch den Heiden schuldete, denn sie beruhen auf der Solidarität (schalom) des Menschengeschlechtes. Das Buch der Frommen lehrt: liegt ein Reicher und ein Armer krank darnieder, so gehe du zum Armen, denn dem Reichen fehlt es nicht an Pflegern. Man darf den Kanken weder in den ersten noch in den letzten drei Tagesstunden besuchen; in den ersten fühlt er sich am wohlsten und der Besucher ist dann geneigt, den Fall viel zu leicht zu nehmen; in den letzten drei Stunden fühlt er sich am schlechtesten, und da ist ihm der Besuch lästig. Dem Kianken muss man Mut zusprechen, ihn trösten, ermahnen, er solle die Vorschriften des Arztes befolgen, und gleichviel, ob er reich oder arm ist, ihn liebreich fragen, ob er etwa Geld

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.