Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1917)
- Article
- Porträts des kgl. westphälischen Konsistoriums der Israeliten
- Date
- 1917-07-01
- Page
- Seite 267 - 268 (sequence 7)
- Language
- German
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267 Das Vierte. 268 zeigt die Aehnlichkeit, mit der er nach dem Tode Kalkars 1812 dessen Porträt für den Steindruck wiederholt hat. Allen sieben Brustbildern sind derselbe Umfang (7,2 cm Papierhöhe und 4 cm Bildhöhe, Jacobson und Frankel 4,8 cm Bildhöhe), dieselben Farben, dieselbe Hand der Unterschriften, dasselbe Papier gemeinsam. Die Bilder (Abbildung 6—12) müssen also in kurzem Zeitraum hinter* einander gemalt worden sein. Der Endtermin ist durch den Tod Kalkars am 21. Juli 1812 gegeben, der Anfangstermin durch den Antritt des Warburger Rabbinats seitens Steinhardts im April 1809. Daß die Anfertigung auf Wunsch und Kosten Jacobsons geschah, darf man wohl bei seinem Interesse und Reichtum als selbstverständlich voraussetzen. Merkwürdigerweise entspricht das Bild Jacob* sons (Abbildung 6) am wenigsten unseren Er* Wartungen. Dieser pausbäckige, junge Mann, schwer* lieh ein 41 jähriger — so alt war Jacobson, wenn wir 1809 als frühesten Termin für die Entstehung des Bildes annehmen — ohne Hemdkragen, mit weißem Halstuch, das zur Binde geknüpft ist, mit Käppchen und unordentlicher Haartracht will gar nicht zu den Bildern Tielkers (Abbildung 1) und Schöners (Abbildung 2) passen, in denen uns Jacobson als Bürger bzw. als Staatsmann entgegen* tritt. Trotz des Festagsrockes mit steifem Kragen könnte man meinen, einen von der Jeschiba kom* menden Bochur vor sich zu haben. Sollte das Bild nicht nach dem Leben, sondern nach einem früheren, jüngeren Bilde Jacobsons angefertigt sein? Lebenswahr dagegen und dem Alter der Dar* gestellten entsprechend erscheinen alle anderen Porträts. Man vergleiche das lithographierte Heine* mannsche Bild Berlins (Abbildung 3) mit dem von Pinhas gemalten auf unserem Karton (Abbildung 7) oder die beiden Bilder Kalkars, die in Lithographie (Abbildung 4) und Farbe (Abbildung 9) von Pin* has herrühren, um zu erkennen, wie sorgfältig und eingehend in alle Details, wie ausdrucksvoll und wirklichkeitsgetreu die Miniaturen ausgeführt sind. Auf das prächtige Greisenantlitz Berlins, auf seine gefurchte Stirn, seinen sinnenden Blick, der sich lebenserfahren auf uns richtet — keineswegs aus so großen Augen wie auf der Lithographie — auf seinen gelockerten Bart sei besonders hingewiesen. Kalkar ist im gemalten Porträt drei Jahre vor seinem Tode viel älter als. in der nach dem Tode ange* fertigten Lithographie. In dieser, die wegen des Druckes für die Dauer bestimmt war, hat Pinhas das Gesicht Kalkars jünger festgehalten und idealisiert. Die Rabbiner Berlin (Abbildung 7), Steinhardt (Abbildung 8) und Kalkar (Abbildung 9) tragen Käppchen und Bäffchen und sind mit dem oberen Teile ihrer bis an den Hals geschlossenen Ornate abgebildet. Die weltlichen Mitglieder Fränkel (Ab* bildung 10), Heinemann (Abbildung 11) und Mer* kel (Abbildung 12) sind barhäuptig und tragen Galarock mit steifem Kragen; die Stelle der Bäffchen vertreten weiße lange Krawatten. Fränkel fällt wieder wie auf der Lithographie durch seinen schrägen Stehkragen (Vatermörder) auf. Während Jacobson und Berlin unsvon vorn anschauen, wenden Kalkar und Heinemann ihren Kopf etwas nach links bzw. rechts, Fränkel ist fast von rechts, Stein* hardt und Merkel sind ganz von rechts bzw. links porträtiert. Das Ganze, mit weißen, schwarzen, grauen, braunen, blauen und roten Wasserfarben gemalt, ist vorzüglich gelungen. Es ist eine anerkennenswerte Kunstleistung eines jüdischen Malers aus dem An* fange des 19. Jahrhunderts und durch seine lebensge* treue Wiedergabe der Personen ein würdiges Denk* mal jener Männer, die, wenn man von ihren gewalt* samen und willkürlichen Reformen des jüdischen Kultus absieht, um das Wohl ihrer Glaubensge* nossen in einer großen Zeit sich redlich mühten. DAS VIERTE. Eine Skizze aus dem Familienleben von M. Spektor. (Aus dem Jüdischen.) .... „Wozu habe ich mich beeilt, ihn mit der frohen Botschaft zu überraschen?" dachte Mira mit Bedauern, als ihr Mann Jonas das Zimmer verlassen hatte, um in das Kontor zu gehen, wo er als Korrespondent arbeitete. „Ich konnte mich nicht beherrschen . . . Gott, wie wurde er blaß, als er meine kurze Antwort vernahm: Jawohl, es scheintso!" .. . Und in der Tat, hat er nicht Grund, unzufrieden zu sein? Sechs Jahre sind wir verheiratet, und haben schon drei Kinder. . . . Nun ist das vierte unterwegs .... Der arme Mensch plagt sich Tag und Nacht, gönnt sich keine Ruhe, und alles für die Kinder .... Die Bedürfnisse wachsen in einem fort .... Du wechselst zehn Rubel, und eh' du dichs versiehst, sind sie hin .... Eine Kleinigkeit, was drei Kinder brauchen .... Schon diese ewigen Ammen . . . . Ei, lieber Himmel, wenn man wenigstens diese Plage nicht zu kennen brauchte! Die kosten ein Heidengeld, verlangen das beste Essen und Trinken, und umgehen muß man mit ihnen, wie mit einem ungekochten Ei. Wage es, ihnen einen Wunsch abzuschlagen, so lassen sie dich einfach sitzen. Sie sind Herrinnen im Hause .... Und er, der arme Mensch, erträgt das alles schweigend .... Mit seinen dreißig Jahren sieht er heute aus, wie ein Vierziger; sein Haar fängt schon an, grau zu werden, während andere in seinem Alter noch unverheiratet sind .... Seine Wangen sind eingefallen, die Haltung ist gebückt, Falten zeigen sich auf der Stirn, nur die blauen Augen haben noch den früheren Glanz bewahrt .... Wer ist daran schuld? Ich .... Jedes zweite Jahr bekomme ich ein Kind .... Schon die Ammen allein können einen grau und alt machen .... Anderseits, habe ich das erste Kind nicht selber gestillt? Obgleich der