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Ost und West · 1917-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1917) · p. Seite 211 - 212

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Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
Article
Friedliches im Kriege
Date
1917-05-01
Page
Seite 211 - 212 (sequence 2)
Language
German
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211 friedliches im Kriege. 212 Fülle der Geschehnisse zu einer fortlaufenden Kette zu verbinden, nachzuweisen, wie das Frühere im Späteren fortwirkt und wie dieses auf. jenes zurückweist. Aber was die Zeitgeschichte vom Leben enthüllt, das sei nichts mehr, als ein Weiter- und Weiterstreben, ein 'Hinübergleiten von einem Punkte zum andern, und gelange nie zu einem Ruhen in sich selbst, könne sich; nie als Selbstzweck geben, sei weit mehr ein Lebenwollen, ein Jagen und Hasten nach Leben, als wahrhaftiges Leben. Die einzelnen Wesen versinken nach kurzer Daseinsfrist in den dunklen Abgrund des Nichts, sie seien nichts mehr als flüchtige Bilder, die wie Schatten vorüberziehen. Dieses wird als schwerer Mißstand und Widerspruch ersichtlich, sobald wir die einzelnen Vorgänge in ein Ganzes fassen und einen Sinn dieses Ganzen verlangen. Darum haben tiefere Seelen die Sinnlosigkeit dieses bloßen Zeitlebens, den ^Ljpcnstisc'hen Charakter dieses unaufhörlichen ICommens und Gehens schmerzlich empfunden und große Dichter und Denker haben solcher Empfindung oft einen ergreifenden Ausdruck gegeben. Doch gerade diese starke 'Empfindung der Nichtigkeit des bloßen Lebens in der Zeit verrate schon selbst zur Genüge, daß dieses Leben uns nicht ganz und gar einnehme. In uns wirkt etwas Zeitüberlegenes, darum erscheint uns die Zeit mit, all ihrem Reichtum so unzulänglich. Daher das ewige Bestreben der Menschheit, dem Bann der Zeit zu entfliehen, irgendetwas Dauerhaftes zu ergreifen oder doch hervorzubringen, an das der Wandel der Zeiten nicht heranreiche. Das ist die Quelle des Triebes, in Denkmälern von Stein und Erz große Ereignisse und Taten für die Nachwelt festzuhalten; man grub Berichte davon in starre Felswände ein, so stark ist in der Menschenbrust das Verlangen nach Unvergänglichkeit, eine so dämonische Macht übt auf die Gemüter die Sehnsucht, die Schranken der Zeit zu durchbrechen. Allein, die Erfüllungdieser Sehnsucht bringen nicht die Denkmäler von lErz und Stein, nicht in starre Felswände eingeschriebene Inschriften, sondern die Schöpfungen, des Geistes, in der Wissenschaft, der Kunst, der Moral und dem Recht; hier wird durchgängig etwas errungen, was über dem Wandel der "Zeiten liegt, was sich gegen alle Zeiten behauptet. Die Entfaltung eines neuen in sich selbst gegründeten Lebens, ■des' Geisteslebens, hat seine Geschichte, das ist die Geistesgeschichte. Nachdem er derart den Sonderwert 'und die Sonderbedeutung der Geistesgeschichte festgestellt hat, zeichnet Eucken in großen Umrissen die Stellung der Religion und der Bibel innerhalb der Geistesgeschichte der Kulturmenschheit. Natürlich begreift Eucken unter Bibel auch die Bücher des Neuen Testaments, und wo er Christentum sagt, ist darunter an den allermeisten Stellen Religion schlechthin zu verstehen. Aber was er über die Bücher des Alten Testaments und über die Geschichte des jüdischen Volkes vorbringt, ist wert, daß es von uns Juden gründlich beherzigt werde. „Wrie die Individuen, so konnten aueh ganze Völker und Zeiten aus den biblischen Schriften eben das an sich ziehen und dem eigenen Leben einverleiben, was ihnen Befestigung und Vertiefungverhieß." „Aus dem Alten Testament haben nicht nur die tiefen seelischen Bewegungen, die in den Propheten und den Psalmen, wie in dem Buche Hiob zum Ausdruck kommen, unzähligen Seelen Halt geboten, auch die Geschichte des ganzen Volkes Israel, seine Kämpfe, Leiden und Siege haben die Gemüter da gefesselt und gestärkt, wo harte Kämpfe von Ganzem zu Ganzem zu bestehen waren und wo man von der Unbill des Menschen zum Worte Gottes seine Zuflucht nahm, im festen Vertrauen darauf, daß er die gerechte Sache nicht werde unterliegen lassen.; . . ." Nicht nur die Individuen und Schichten eines Volkes, belehrt uns Eucken, sondern auch die ganzen .Völker und Zeiten finden hier einen gemeinsamen Boden zur Bekämpfung von Absonderung und Zerstreuung. Die verschiedenen Zeiten bilden hier eine fortlaufende Kette, die Jahrhunderte und Jahrtausende werden uns vertraut, wenn wir sehen, daß ihr Seelenleben aus denselben Quellen schöpfte, an die auch wir uns halten. So reichen Vergangenheit und Gegenwart einander die Hand und im Neuen wird unmittelbar das Alte [ergriffen. Des weiteren erörtert Eucken die Wirkungen der Bibel auf das geistige Schaffen, und weist die fruchtbaren Antriebe und wertvollen Förderungen nach, die die Bibel dem geistigen .Schaffen gebracht hat. Besonders gelte das von der Poesie und der Kunst. Alles Heroische in der Kunst führt in die Nähe der Religion. Dazu kommt die Besonderheit der biblischen Schriften mit ihrer eindringlichen Vorhaltung eines überaus reichen Gemäldes von Natur und Menschenleben. Die Natur zeigt hier sowohl die erhabensten, als die anmutigsten Züge, von der unvergleichlichen Erhabenheit des Schöpfungsberichtes bis zu den idyllischen Szenen des Hirtenlebens am Brunnen; wilder Sturm mit Donner und Blitz wie stilles Sau sein mit friedvoller Landschaft treten gleichmäßig vor Augen. „Was immer aber von der starken und tiefen Wirkung der Bibel gesagt wird, das gilt im besonderen von der deutschen Art und dem deutschen Volk.'' „So hat {gerade an den Wendepunkten und den Höhepunkten der Arbeit die Bibel einen starken Einfluß auf den deutschen Geist geübt, sie hat wesentlich dazu beigetragen, ihn vor drohender Erstarrung zu bewahren, und zu seiner ursprünglichen Kraft zurückzurufen." Eucken ist der Ansicht, daß wir auch heute an einem solchen Wendepunkt stehen, und des Zurückgehens auf ursprüngliche Quellen bedürfen. — Auch unsere jüdische Gemeinschaft sieht sich in unserer Zeit vor einem Wendepunkt gestellt, und auch für uns geziemt es sich, auf diese ursprüngliche Quelle zurückzugehen. —

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