Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Friedliches im Kriege
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 209 - 210 (sequence 1)
- Language
- German
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209 Friedliches im Kriege. 210 FRIEDLICHES IM KRIEGE. Es ist ein gutes Zeichen für die Lebensfähigkeit und den Lebensdrang der Menschen, daß sie mitten in den Verwüstungen, die dieser Krieg anrichtet, nicht aufgehört haben, an Werken zu arbeiten, die dem Frieden dienen. Auch auf dem Gebiete der Literatur tauchen von Zeit zu Zeit aus der Flut der Kriegsschriften, wie stille Eilande aus einem Meer von Blut, Bücher auf, die uns weit weg vom Jammer der gegenwärtigen Wirklichkeit in eine Atmosphäre edlen Nachsinnens' und freundlichen Schaffens versetzen. Von einigen dieser Bücher soll hier die Rede sein. Den Vorrang verdient „Der Born Judas", Legenden, Märchen und Erzählungen, gesammelt von M. J. bin Gorion.1) Unter diesem Pseudonym verbirgt sich der bekannte hebräische Schriftsteller Micha Josef Berdyczewski, der sich in einer ganzen Reihe von kleinen Erzählungen und Essays als feiner Stilist und als sehr belesener Kenner der talmudischen und nachtalmudischen hebräischen. Literatur bewährt hat. Es sind bereits von ihm zwei Bände „Sagen der Juden" erschienen, die ausgewählte Legenden, Parabeln und Erzählungen aus dem Talmud und dem Midrasch enthalten. Der vorliegende Band, der erste einer ganzen Serie, bietet ähnliche Produkte, überwiegend aus der nachtalmudischen Literatur, die „Von Liebe und Treue'' handeln. Man darf sich von dem etwas gezierten Titel des Buches nicht abhalten lassen, auch nicht davon, daß der Verfasser den ziemlich fremdartig klingenden Decknamen „bin Gorion" gewählt hat. („bina für „ben" kommt nur einmal in altersgrauer Zeit vor.) Der Leser kommt reichlich auf seine Rechnung. Der Stoff ist aus einer weitschichtigen, vielverstreuten Literatur sorgsam zusammengetragen, von den Apokryphen bis zu dem bekannten „Maasse - Buch", welches in Deutschland im 16. Jahrhundert zuerst gedruckt wurde. Ehemals waren das alles echte Volksmärchen, Sagen und Legenden, die von den Sammlern übersetzt und meist nach ethischen Tendenzen und Gesichtspunkten bearbeitet oder zugestutzt wurden. Das Unterscheidende zwischen dem einfachen, natürlichen Erzeugnis der Volksphantasie und dem Produkt des schriftstellernden Erzählers ist es eben, daß ersteres meist ohne jede didaktische oder moralisierende Absicht, lediglich aus der Lust am Fabulieren entsteht, während der Schriftsteller das dem Volksmunde abgelauschte Geschichtchen mehr oder minder geschickt umformt und ihm eine Tendenz, eine moralische oder erbauliche Lehre anheftet. Doch ist durch die doppelte oder dreifache Uebersetzung und Bearbeitung hindurch noch immer ein Duft jener Frische und Kraft zu verspüren, die diesen Erzählungen ursprünglich innewohnte, als sie noch im Volksmunde lebten und weit davon entfernt waren, literarisch fixiert zu werden. — Alle diese Geschichten behandeln, wie schon der Titel besagt, das Verhältnis zwischen Mann und Weib und alle, auch abgesehen von der ihnen offenbar von den Nacherzählern angefügten „Moral", bilden einen Hymnus auf die Macht der Liebe und der Treue, auf die Reinheit und die Heiligkeit des ehelichen Bundes. Es sind aber keineswegs tugendsame und sänftiglic'he Märlein, ohne Saft und Kraft; es pulsiert in ihnen lebendige Leidenschaft, die manchmal zu wilder Kraft anschwillt. Liebesqualen, Sehnsucht, Enttäuschung, ungestillte Begierde, Verlassenheit, Verzweiflung und Tod treten den Menschen an, aber am Ende siegt doch die Treue und die Standhaftigkeit. „Die drei Pagen des Darius", die „Tobias- und die Susannageschichte", der „Akiba-Roman", die Erzählung von dem „Mann mit der Glorie", „Die Zeugen oder Katze und Brunnen", „Die Dirne und der Schüler", „Rabbi Rüben und seine Schnur", gehören in diese Gruppe. Natürlich haben diese Geschichten schon früher die Aufmerksamkeit der Kenner und Bearbeiter auf sich gelenkt und die weitaus meisten von ihnen sind in zahlreichen Sammlungen und Anthologien rabbinischer Literatur, die seit mehr als hundertzwanzig Jahren in deutscher Sprache herausgegeben wurden, aufgenommen worden. Aber hier findet man sie zum erstenmal nach einheitlichem Plan geordnet und in ein gefälliges, für den modernen, auch den nicht theologisch oder literarhistorisch interessierten Leser anmutendes Gewand gekleidet. Reichliche Quellenangaben orientieren den Leser über. Herkunft und annähernd auch über Entstehungs- oder Textierungszeit der einzelnen Stücke. Auszusetzen ist an der Uebertragung der oft zu feierliche und sogar schwülstige Stil, während der schlichte, volkstümliche Märchenton, in dem sidher die Geschichten ursprünglich erzählt wurden, eher am Platze gewesen wäre. Seltsam mutet die Versicherung des Verfassers in der Vorrede an, daß „mit dem Abschluß des Chassidismus auch die jüdische Volksdichtung im eigentlichen Sinne aufhört". Das beweist nur, daß der Verfasser die letzten fünfundzwanzig oder dreißig Jahre fern von seiner wolhynischen Heimat geweilt hat. Um alle merkwürdigen Ereignisse und Persönlichkeiten flicht das jüdische Volk nach wie vor Kränze von Sagen, Mythen und Märchen. — Alles in allem ist es erquickend für uns Heutigen, uns in die phantastische Welt zu versenken, die vielleicht anderthalb Jahrtausende hindurch die Freude unserer Vorfahren bildete. — Rudolf E u c k e n hat ein schönes Büchlein veröffentlicht unter dem Titel „Die geistesgeschichtliche Bedeutung der Bibel".2) Der Verfasser unterscheidet zwischen Zeitgeschichte und Geistesgeschichte. Erstere verfolge den Verlauf der Ereignisse in der Zeit, ihr Werden und Wachsen, ihr Sinken und Vergehen, sie suche, die r) Leipzig, Insel-Verlag. 2) Leipzig, Alfred Kröner Verlag. 1917.