Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1917)
- Article
- Rumänien und seine Juden
- Date
- 1917-05-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 1)
- Language
- German
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163 Rumänien und seine Juden. 164 RUMAENIEN UND SEINE JUDEN. Von Dr. S. Schiffer. V. IN DEN VORZIMMERN DES KONGRESSES. Bevor der Kongreß zusammentrat, vollzog sich ein welthistorisches Ereignis., welches das größte Aufsehen, machte. Am 4. Juni wurde zwischen Großbritannien und der Türkei eine Konvention geschlossen, in der die Insel Cy'pern an England abgetreten wurde und letzteres die „Verteidigung" der asiatischen Besitzung des Os'manenreiches übernahm. Das war ein Meisterstreich der englischen Diplomatie, die mit einem Male den russischen Gelüsten einen Riegel vorschob. Die Physiognomie des nahen Orient veränderte sich gründlich und dem kommenden Kongreß waren die Wege gewiesen. Das Prestige des Zaren sank bei den kleinen Völkern des Balkans bedeutend. Rumänien wagte wieder zu hoffen "und die Juden versprachen sich davon eine beträchtliche Besserung des Schicksals ihrer Brüder im Orient, sowie eine Hebung von Palästina und Syrien, welche den verfolgten Glaubensgenossen in Südosteuropa als Zufluchtsstätte dienen konnten. In Wirklichkeit war das nur eine Einleitung zur Besitznahme Aegyptens durch England. Der Kongreß trat am 13. Juni zusammen. Die ersten .Staatsmänner des Zeitalters repräsentierten die Großmächte Europas, und waren vereint, um das Schicksal des Erdteils zu bestimmen. Die Alliance Ismelite Universelle in Paris entsandte nach Berlin (drei ihrer tätigsten und hervorragendsten Mitglieder, Kann, Netter und Veneziani, bewährte Kenner der Orientangelegenheiten und in allen Geschäften der Alliance vorzüglich erfahren; sie sollten die Sache der Juden bei den Mitgliedern des Kongresses vertreten. Auch die rumänischen Juden entsandten eine Deputation, die den Auftrag hatte. dem Kongreß zu erklären, daß sie die Judenfrage in Rumänien als eine innere Landesangelegenheit betrachtet \vissen wollten, deren Lösung ausschließlich dem Lande überlassen werden mußte und gar nicht vor das Forum dieser hohen Versammlung gehörte. Allein, diese rumänischjüdischen Delegierten konnten gar nicht zur Geltung kommen angesichts der hervorragenden westeuropäischen Männer, die die entgegengesetzte Ansicht vertraten, und 'die eine mächtige Partei in Rumänien auf ihrer Seite hatten. Den bereits genannten Pariser Vertretern der Alliance gesellten sich nämlich' in Berlin und dem übrigen Deutschland eine Reihe bedeutender Persönlichkeiten hinzu: Professor Lazarus, der in der Gclehrtcnwelt großen Ruf genoß und sich der Freundschaft des deutschen Kronprinzen und seiner Gemahlin erfreute; Bcrthold Auerbach, der bei der Kaiserin Augusta, sowie bei den Eltern des Fürsten Carol von Rumänien in hohem Ansehen stand und bereits im Jahre 1869 zugunsten der rumänischen Juden interveniert hatte; Jakob Bernays, einer der ersten Altphilologen Deutschlands, der ein Hausfreund der Eltern der Fürstin Elisabeth von Rumänien war (Carmen Sylva hat ihm nachher in ihren Memoiren ein schönes Erinnerungsblatt gewidmet). Aber der wichtigste von allen war der bereits genannte Gerson von Bleichröder, dessen Meinung Bismarck ungemein hochschätzte und der sich jetzt mit auffallendem Eifer der Sache der rumänischen Juden widmete. In Paris, London und Wien hatten diese nicht minder mächtige Beschützer. ' Außer Cremieux, dessen nahe Beziehungen zur französischen Regierung bekannt waren, verfocht die Sache der Juden ein bedeutender rumänenfreundlicher Publizist Armand Levy, der auch unter den italienischen Staatsmännern intime Freunde hatte. Der Baron Moriz von Hirsch trat zwar nicht politisch hervor, aber sein Einfluß als einer der mächtigsten Finanzmänner war genugsam bekannt, ebenso sein lebhaftes Interesse für die Juden im türkischen Reich. In London stand Sir Moses Montefiore bei der Königin Victoria in hoher 'Gunst, und ,wie der erste britische Kongreßbevollmächtigte Lord Beaconsfiekl über die Judeufrage dachte, war kein Geheimnis. Die Sache der Juden stand so glänzend wie nur denkbar. Die jüdischen. Vorkämpfer machten sich denn auch sofort an die Arbeit. Netter [gab 'dem Präsidenten der Alliance regelmäßige Berichte 'über ihre Schritte. Am 11. Juni, nach einem Besuch beim zweiten französischen Delegierten, dem Herzog., de St. Vallier (der erste war der Minister des (Aeußeren Waddington) schrieb er: „Wenn, alle über unsere Glaubensg-enossen so denken, wie der FI erzog de St. Vallier, so haben wir gewonnenes Spiel. 'Er kennt die Angelegenheit vom Grunde aus." Am 12.: „Lord Beaconsfiekl hegt die besten Gesinnungen." Am 13.: „Bleichröder hat gestern mit Bismarck gesprochen, er hofft alles zugunsten'der Israeliten." Am 16.: „Wir haben heute Lord Odo Rüssel (den britischen Botschafter in Berlin, dritten Kongreßdclegierten Englands) gesprochen; er erinnerte uns an alles, was Lord John Rüssel für die Juden gx'tan hat; er wird unsere Sache verteidigen." An demselben Tage schreibt Netter ferner: „Herr von Bülow, (der Staatssekretär des Auswärtigen, zweiter deutscher Vertreter) hat uns einen ausgezeichneten Empfang bereitet und gab uns die besten »Versicherungen; das ist ein Mann von umfassender Intelligenz und großer Liebenswürdigkeit." Am 18.: „Heute haben wir den Fürsten von Hohenlohc-Schillingsfürst (dritten deutschen Delegierten, nachmaligen dritten Reichskanzler) besucht. Er hat seine Karriere damit begonnen, die Emanzipation der Juden in Bayern zu verteidigen und will sie krönen, indem er die der rumänischen auf dem Krongreß durchsetzt. Er erbat sich von uns ergänzende Belehrungen in der Frage. Wir haben auch den italienischen Delegierten Grafen de Launay besucht. Er war herzlich (affectueux) wie man es nicht besser sein kann. Er will stets die Sache der Israeliten verteidigen, die in allen Ländern, wo ihnen die Gleichberechtigung zu teil geworden, sich ihrer Würdig gezeigt haben." Am 19: „Kann besuchte heute morgen Toize, den Sekretär des Grafen Aiidr,ä*ssy, der ihm sagte, daß die Herren übereinstimmend geneigt sind, die Sache der Juden zu unterstützen, che gewiß von Lord Beaconsfiekl aufs Tapet gebracht [werden wird; in diesem Fall wird sich Andrassy ihm anschließen." Am 21.: „Herr von Bleichröder hat gestern den Fürsten Bismarck gesprochen und von ihm die Zusicherung erhalten, daß er die Judenfrage auf dem Kongreß zur Sprache