Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Auf galizischen Judenfriedhöfen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 113 - 114 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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113 Am Tage des Gerichtes. 114 Das Material der Denkmäler ist über- ■wiegend der einheimische Kalkstein, in ärmeren Bezirken findet man auch Holzplatten mit langen Inschriften (Abbildung o im. Vordergrund), und nur die Aermstcn der Armen stecken auf ihre Gräber ein Holzbrettchen, auf das mit Bleistift der Name des Toten aufgemalt ist. Eine gärtnerische Pflege der Friedhöfe kennt der galizische Jude nicht, kein Blumenhügel und kein gepflegter Weg verschönt die Ruhestätte der Toten. Eng beieinander stehen die Grabsteine, ursprünglich in Reihen aufgestellt, die im Laufe der Zeiten stark gelichtet sind. Die Steine werden nur in g'anz geringer Tiefe in den Erdboden eingelassen, so daß sie unter dem Ueb ergewicht des oberen Teiles sich bald neig-en. Wer fällt, der fällt und bleibt liegen, bis er eines Tages gänzlich im Boden versinkt, der mit ausgedienten Grabsteinen dicht gefüllt ist. Nur selten findet man einen Hügel über dem Grab, und dann liegt er ausnahmslos hinter dem Stein. Besonders reiche Gräber haben an Stelle des Hügels eine Kiste ausj Steinplatten, auch diese an der Rückwand des Steines angebaut, der Deckel flach wie das Dach des orientalischen Hauses, darauf steht manchmal eine große viereckige Laterne aus Zinkblech. Manche Steine sind gegen Regen und Schnee durch einen Blechgiebel geschützt. Die Grabet verstorbener Wunderrabbincr stehen in kleinen Häusern, sie werden auch nach ihrem Tode wie; Heilige verehrt und empfangen auf den Gräbern: die Brandopfer ihrer Angehörigen. Bei allen Steinen ist die Schriftseite stets nach Westen gekehrt, die untergehende Sonne spielt ja in der Gräbersymbolik aller Zeiten und Völkcir eine große Rolle, die Rückwand trägt höchstens einmal ein paar Worte, einen Namen oder kurzen Spruch. Den landschaftlichen Schmuck der Friedhöfe muß die Natur selbst besorgen, die alten Teile sind' Jüdische Grabsteine (Abbildung 5) mit wildem Gestrüpp, Feldblumen und Unkraut dicht überwuchert, und wer die Grabsteine studieren will, muß sich oft mühsam seinen Wegi bahnen durch die grüne Wildnis. Wo Berge vorhanden sind, hat man die Friedhöfe stets auf der Höhe angelegt, und von der Stätte des Todes wandert der Blick hinab in die Wohnungen der Lebenden und in die blühende reiche Landschaft Galiziens. Tiefe, feierliche Stille liegt zumeist über den alten Judcngräbcrn, und ungestört kann der Besucher sich in das' Studium der fremdländisch seltsamen Denkmäler und die eigenartige Stimmung des Ortes versenken. Selten nur begegnet man Juden an den Gräbern' ihrer Toten, und dann sind es allermeist Frauen. Der deutsche Soldat genießt das volle Vertrauen der Juden, und ihm stehen sie 'gern und ausgiebig Rede. Es hat seinen ganz besonderen Reiz, an einem solchen Orte sich von clen Töchtern« Israels von den Heldinnen ihres Volkes, von Esther und Judith, erzählen zu lassen. Ganz aber fühlt man, iden Haiich des Orients, wenn zu bestimmten Stunden der Woche der ganze Chor der Klagefrauen sich an. den Gräbern der Vorfahren versammelt, um die Toten weinend und zum Gott ihrer Väter um den Sieg unserer Waffen und um Schutz vor nochmaligem Russeneinfall flehend, erst einförmig wie im Gespräch, bald immer lauter und leidenschaftlicher anschwellend in Worten und Gebärden, bis das Gebet in wild ekstatischem Schreien und Schluchzen ausklingt. Da versteht man, was, das Bibelwort bedeutet: „Sie schreien zu Gott." Jüdische Grabsteine (Abbildung 1)