Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Auf galizischen Judenfriedhöfen
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 111 - 112 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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in Auf galizischen Judenfriedhöfen. 112 namentalcn Motive wird man in der frühmittelalterlich-syrischen und koptischen Kunst wiederfinden; die von Prof. Watzinger-Gießen während des Krieges veröffentlichten spätantiken Synagogen Syriens bieten, obwohl bedeutend älter/hierin die nächsten Analogien. Zu diesen Motiven zählen die Girlandensäulen als seitlicher Abschluß, die Rosetten- und Arkadenfriese, die Vögel- und Löwenpaare und manches andere. Auch die römischen Grabsteine der Kaiserzeit, wie wir sie aus den Rheinländern in großer Zahl besitzen, haben nahe Beziehungen zu den jüdischen Denkmälern, hierher gehören die Löwen oder Widder auf den Ecken sowie die Palmetten an gleicher Stelle, die Säulen an den Seiten und die Muschel im Mittelbogen. Eine unmittelbar an die spätrömischen Reliefs der Neumagencr Stilgruppe erinnernde Szene fand ich auf dem Grabdenkmal eines Wunderrabbis: in der Mitte ein Tisch mit aufgeschlagenem Gesetzesbuch und mehreren Schüsseln, links ein gefüllter Bücherschrank, rechts ein leerer Stuhl. Denn Abbildungen des Menschen fehlen auf den jüdischen Steinen durchaus, wenn man von den Darstellungen der einzelnen Hände absieht. Eine direkte Beeinflussung der jüdischen durch die römische Grabkunst dürfte kaum in Frage kommen, beide hab'en ihre gemeinsame .Quelle im alten Orient. Auch ganz altorientalisches Gut findet sich, wie die Gegenüberstellung zweier Tiere im Wappenschenia, Fabeltiere wie fischgeschwänzte Hirsche, die Tiere mit um- Tüdische Grabsteine (Abbildung 3) gewendetem Kopf und das Raubtier mit einer Ranke im Rachen. Die frühgermanische Kunst der Völkerwanderuingszeit ist bei vielfacher Selbständigkeit doch von der älteren uiicl damit stärkeren byzantinischen Kunst beeinflußt, und so kommt es, daß wir den paarweis angeordneten Vögeln und verschiedenen Ornamenten ebenso auf langobardisehen wie auf den jüdischen Denkmälern und ganz ähnlich auch in der Buchmalerei der Karolingerzeit begegnen (Abbildung 6). Zu diesen aus der Welt der heidnisch-antiken Kunst entlehnten Zügen kommen sodann naturgemäß zahlreiche Einzelheiten aus der speziell jüdischen Kultus- und Gräbersymbolik, so vor allem überaus häufig der siebenarmige Tempelleuchter, die beiden Hände mit der merkwürdig gespreizten Fingcrhaltung auf Grabsteinen von Angehörigen des Pricstergeschlcchtes, die abgekürzte Darstellung der Ha.ndwaschu.ng, oft auch die Kanne oder die Schale allein auf Levitengräbern, diel Krone, die Traube, oft auch das aufgeschlagene Gesetzbuch und einmal auch ein Fisch, den man gewöhnlich für ein ausschließlich christliches Symbol hält. Der antike Charakter der jüdischen Grabdenkmäler offenbart sich auch darin, daß sie bunt bemalt sind, oft mit .schreiend grellen Farben. Bei den meisten ist die Bemalungfreilich verblaßt oder bereits gänzlich verschwunden, so daß sie heute naturfarben erscheinen wie auch die meisten Monumente des klassischen Altertums m unseren Museen, die ja ebenfalls, wie wir jetzt wissen, einstmals vielfarbig bemalt gewesen sind.