Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Joseph Halévy
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 3)
- Language
- German
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109 Auf galizischen Judenfriedhöfen. 110 lieh bedeutsam als beredtes Zeugnis seines leidenschaftlichen jüdischen Gefühls. Das Januarheft 1914 der oben genannten Revue enthält auch zwei seiner spanischen Jugendgedichte aus dem Jahre 1850. Eines derselben ist an einen fanatischen Missionär gerichtet und atmet den edlen Stolz des sephardischen Juden. Beiläufig bemerkt, ist übrigens H a 1 e v y der einzige Sephardi im letzten Jahrhundert, der sich einen Ehrenplatz in der Wissenschaft vom Judentum erworben hat. Ich selbst habe H a 1 e v y gelegentlich meines Aufenthalts in Paris (1897—98) als 70 jährigen Greis kennengelernt und wunderte mich schon damals über •die jugendliche Geistesfrische des im Leben wie in der Forschung originellen Gelehrten. Seitdem stand ich in Korrespondenz und Schriftenaustauch mit ihm und freute mich immer, wenn ich eine Karte mit seiner zierlichen, fast mädchenhaften Handschrift erhielt. Sein letztes mir zugegangenes Schreiben (vom 9. Mai 1913) war eine Antwort auf meine Mitteilung, daß ich neue Beweise für ein hebräisches Original des Buches Henoch und damit die Bestätigung für eine wichtige von ihm zuerst behauptete und noch neuerdings von Charles bestrittene Tatsache gefunden habe4). Im Frühjahr 1914 erhielt ich von ihm ein Heft der Revue Semitique, in dem er meine kurz vorher erschienenen Notiz „Etimmu im Alten Testament und im Talmud"5) ins Französische übersetzt hatte. Seitdem blieb ich ohne jedes Lebenszeichen von ihm. weiß also auch nicht, ob und wie ihn der Krieg persönlich betroffen oder innerlich berührt hat. Sicher hat er das französische Geschrei gegen die deutschen Barbaren verurteilt und bei aller Begeisterung für sein Adoptivvaterland das unnatürliche Bündnis mit Rußland (nicht nur als Jude) als l nglück und Schande empfunden. 4) Vergl.OrienlalistischeLiteraturzeitnngl913)4Slff.,515ff. 5) ebd. 1914, 10S ff. Von Dr AUF GALIZISCHEN JUDENFRIEDHOEFEN. Friedrich Behn, Direktorial-Assistent und Privatdozent in Mainz, z. Z. im Felde. (Mit 6 Aufnahmen des Verfassers). In Ländern mit alter Kultur ist ein Besuch der Gräberstätten meist nicht weniger lohnend als derjenige der Wohnstätten der Lebenden; die archäologische Forschung hat ja sogar lange die Erforschung der Siedlungen vernachlässigt gegenüber der Gräberforsdiung. Galizien ist heute wohl dasjenige Land Europas, in dem man das Judentum noch am reinsten studieren, kann, und dem Besucher der dortigen Judenfriedhöfc erschließen sich ungeahnte Quellen mit reichstem kunst- und! kulturgeschichtlichem Inhalt. Nur ganz selten findet man hier moderne Grabmal er von stilistischer Farblosigkeit, die weitaus überwiegende Mehrzahl auch der neueren Steine schließt sich mit mehr oder minder starkem Archaisieren eng an antike Vorlagen an. Eine ganz genaue zeitliche Festlegung, wie wir sie sonst bei europäischen Kunstdenkmälern gewohnt sind, ist, wenn die Inschrift kein Datum enthalt, hier in den meisten Fällen dadurch nicht möglich, daß die Steine in Form und Verzierungsweise keines der Kennzeichen an sich tragen, mit denen man sie an den gleichzeitigen Denkmälern einheimischer Kunstrichtungen messen und datieren könnte; die jüdi- Grabstein der Malo Sprinza (gest. 1843) (Abbildung 2) sehen Grabsteine sind Fremdlinge auf europäischem Boden, ihre Wurzeln und ihre Verwandten liegen im Orient. Auch das Material gibt den Grabsteinen den Anschein eines höheren Alters, der weiche einheimische Kalkstein, der überaus leicht zermürbt und unter dem Einflüsse der in dem ausgesprochen kontinentalen Klima Galiziens besonders wirksamen Atmosphärilien schnell eine braune Patina annimmt. Ein gutes Beispiel hierfür ist der schöne Stein in Abbildung-' 2, der einer jungverstorbenen Jüdin gesetzt ist namens Malo Sprinza (= Esperanza), Tochter des Rabbiners Isak Ar je und Enkelin des Vorstehers Jobkyn (= Jakob) und der in der Rosette die Jahreszahl ü62o der jüdischen 1843 unserer Zeitrechnung trägt. Es ist schlechterdings unmöglich, an dieser Stelle das reizvolle Thema auch nur annähernd auszuschöpfen, denn es handelt sich hier um die großen, noch lange nicht völlig geklärten Fragen der Kunst des ausg-ehenden Altertums. Ganz roh lassen sich die jü- . dischen Grabsteine in den großen Sammelbegriff der „byzantinischen" Kunst einordnen. Die Mehrzahl der figürlichen wie der or-