Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Joseph Halévy
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 107 - 108 (sequence 2)
- Language
- German
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107 Joseph Halevy. 10S Gebieten folgen kann. Ihn reizte besonders das Schwierige und' Unerforschte, und so zog er im Laufe seines langen Lebens nicht nur alle semitischen Sprachen und Literaturen in den Kreis seiner Forschung, sondern dehnte denselben noch bedeutend weiter aus. So schrieb er unter anderem über die indischen Alphabete, über das Alter derVeden, über die Berbersprachen, über die Agau-Sprache in Abessinien. Neben dem Südarabischen und Aethiopischen war sein Hauptarbeitsgebiet das Babylonisch - Assyrische. Seine Textausgaben und seine sonstigen Arbeiten zur sprachlichen und religionsgeschichtlichen Erforschung der keilschriftlichen Literatur haben dauernden Wert, wenngleich eine seiner Hauptthesen, die er bis zu seinem Lebensende hartnäckig verteidigte, sich längst als irrig erwiesen hat. Das Sumerische, die Sprache des ältesten in Babylonien ansässigen (nicht semitischen) Volkes, dem unter anderen kulturellen Leistungen die Erfindung der Keilschrift zu verdanken ist, ist nach Halevy gar nicht eine Sprache, sondern lediglich eine besondere Art der Schreibung des Babylonischen. Seit mehr als einem Menschenalter vertrat er diese Auffassung in selbständigen Werken und zahlreichen Artikeln der Revue Semitique d' Epigraphie et Histoire Ancienne, von der er bis zum Ausbruchdes Krieges1) 22 Jahrgänge herausgab und fast allein schrieb. Ein bedeutender Fachgenosse charakterisierte einmal Halevy treffend: Er hat täglich 100 neue Gedanken, 95 davon nimmt er am nächsten Tag selbst zurück, von den übrigen 5, an denen er festhält, besteht einer die Kritik, doch dieser ist dann immer genial und fruchtbar. Ihm fehlte eben, wie es bei seinem eigenartigen Studien- und Entwicklungsgang nicht verwunderlich ist, die strenge Zucht der Methode, und so verrannte er sich manchmal in einen Starrsinn, der dem Wert seiner Arbeiten Abbruch tut. Auf der anderen Seite tragen alle seine Veröffentlichungen eine eigenartige persönliche Note, die ihn vorteilhaft von vielen Schulgelehrten unterscheidet. Die Leser dieses Blattes wird es besonders interessieren, was Haie v y für die Erforschung des Judentums geleistet hat. Da ist vor allem zu rühmen, daß er einer der leider so wenig zahlreichen jüdischen Gelehrten war, die auch die Bibel zum Gegenstand selbständiger Studien machen. In den vier Bänden seiner Recherches Bibliques, die zuerst in der Revue des Etudes Juives und in der Revue Semitique erschienen waren und dann in Buchform herausgegeben wurden, wie in zahlreichen Artikeln und Besprechungen hat er nicht nur eineFülle von neuen lexikalischen, exegetischen und textkritischen Einzelbemerkungen niedergelegt, sondern auch die Literarkritik und Religionsgeschichte durch wertvolleldeen gefördert. Er setzt sich oft tempera- J) Das letzte in meiner Hand befindliche Heft ist vom April 1914. Ob seitdem noch weitere Hefte erschienen sind, ist mir unbekannt. mentvoll mit den modernen protestantischen Bibelkritikern, auseinander, indem er bald ihre Quellenscheidung" im Peutateuch angreift, bald ihre verjährten Vorurteile gegen das Judentum aufdeckt und zurückweist. So hat er, um nur ein Beispiel herauszugreifen, vor 12 Jahren Stade's Biblische Theologie des Alten Testaments einer tief eindringenden unerbittlichen Prüfung unterzogen2), die über den nächsten Zweck hinausgehend die . Grundlagen einer ganzen Schule erschüttert. Man darf aber nicht etwa glauben, daß er im apologetischen Sinn die Tradition gegen die Ansprüche der Kritik zu verteidigen sucht. Vielmehr sucht er in vollkommener wissenschaftlicher Unabhängigkeit neue Anschauungen von der Entstehung der biblischen Literatur und der Entwicklung der jüdischen Religion zur Geltung zu bringen und gelangt zu Ergebnissen, die der orthodoxen Anschauung ebensozuwiderlaufen wie den Dogmen der kritischen Schule. Auch mit dem Neuen Testament hat er sich eingehend beschäftigt, und in seinen Etudes Evangcliques (1903) sowie in verschiedenen bis in die letzte Zeit erschienenen Arbeiten manche wertvollen Beiträge zur sprachlichen und sachlichen Erklärung der Evangelien und einzelner neutestamentlicher Briefe geboten. Auch für das Verständnis der Apokryphen und Fseudepigraphen. dieser Stielkinder der jüdischen AYissenschaft, hat sein Scharfsinn in Verbindung mit seinen umfassenden Sprachkenntnissen schöne Resultate zu Tage gefördert. So veröffentlichte er schon 1S67 im Journal Asiatique eine Studie über den äthiopischen Text des Henoch- Buches, gab noch vor Entdeckung der Papyri von Elephantine (1900) wichtige Aufschlüsse über das Verhältnis des Tobitbuches zur Achikar-Legende und beteiligte sich schon hochbetagt an der Erklärung der durch Sachau wieder erschlossenen, aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert stammenden ältesten Achikar-Texte. Auch die seit 1896 durch Schee h ter, Neubauer und andere Forscher entdeckten Sirach-Fragmente bat er als einerderersten kritisch untersucht. Besondere Er wähnnung verdient auch die Tatsache, daß er die schwarzen Juden Abessiniens, die Falaschas, unserer Kenntnis nähergebracht und durch die Herausgabe ihrer (äthiopischen) Gebete und sonstigen religiösen Texte uns einen Einblick in ihre Geisteswelt ermöglicht hat. Die hebräische Sprache hat Halevy nicht nur in wissenschaftlichen Aufsätzen, sondern auch schriftstellerisch und poetisch gehandhabt, wie sein Mac lifo er et3) und zwei erst 1914 in der Revue Semitique veröffentlichte Gedichte zeigen. Die letzteren, von denen eines die Vertreibung der Juden aus Moskau (1881) und das andere Ghettogedanken über das Weihnachtsfest zum Gegenstande hat, sind auch inhalt- 2) Antinomiesd'histoirereligieuse(RevueSemitique 1905ff.. wieder abgedruckt im 4. Band der Recherches Bibliques.) 3) Machberet. Recueil de compositions hebrai'ques en prose et en veis (Jerusalem 1895).