Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Und Gott weinte
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 105 - 106 (sequence 3)
- Language
- German
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103 Joseph Halevy. 106 Kronen und Gesetze gleitet sein Blick hinweg, und schlägt Brücken über Abgründe für abgelebte Ge* schlechter und untergehende Rassen. Höheres als ein Messias — Und höher und immer höher noch. Vor ihnen allen standen alle Horizonte offen, lagen alle Abgründe tief, türmten sich hoch alle Himmeln. — Vor ihrem Schöpfer allein gab es keine Weite, keine Höhe, keine Tiefe. Was kann tiefer sein, als der, der die Tiefe und ihren Begriff erschaffen? Was kann weiter sein, als der, welcher der Erde die neckische Phantasie geschenkt, und ihr vom Himmel herab zulächelte: „Komm Töchterchen, hasche mich, fange mich ein in der Unendlichkeit." Und was kann höher sein, als der Höchste? Und Gott saß da und sprach zu sich selber mit göttlichem Verdruß: Du Gott! Du, du . . . willst du von nun ab schaffen, nur damit die Ewigkeiten dir kürzer er* scheinen? . . . schaffen wie zum Spiel, damit dir vor deinen eigenen Abgründen nicht bange werde? Willst du dich um dich selber drehen, um deinen eigenen Pol, dir vorspiegelnd, als fliegest du in neue, unbekannte Fernen? . . . Willst du? . . . Ihm antwortete keiner. Wer hätte ihm auch antworten sollen? Seines Gleichen gab es nicht und wird es nicht geben zwischen Himmel und Erden, unter allen offenbaren und verborgenen Weltkräften. Da antwortete Er sich selber: Nein! Nun und nimmermehr! Wer zündet Kerzen an, um einen strahlenden Sommertag zu erleuchten? Wer löscht Feuer mit Feuer? Wer malt Weiß auf Weißem? Nun und nimmermehr! ... Wenn meine jungen, fröhlichen, tanzenden Welten sich bewußt würden, daß sie sich nur rings um meine Sonnen herum drehen, um zu sich selbst zurückzukehren, um bei ihrem ehemaligen Ausgangspunkt wieder anzulangen, auch sie würden sich dagegen empören, sie würden innehalten und aus Vulkan^Mäulern würden sie schreien: „Nein, nein! Nie und nimmermehr!" O, groß ist der Jammer, ein Gott zu sein! Und noch schrecklicher ist es, beständig zu wissen, beständig zu fühlen, daß man Gott selber sei. Traurig blieb Er auf seinem Throne sitzen, und saß da und beneidete das kleinste Würmchen, das Er vor kurzem erst erschaffen hatte: das Würm* chen regt sich, das Würmchen sehnt sich, das Würmchen steigt immer höher . . . Die blauen Himmeln schwiegen. Und lange, lange zog sich der heilige Sabbattag dahin. Und Gott verhüllte sich mit Seinem feurigen Purpur und schwieg ebenfalls. Dunkelblaue, sternhelle, liebe Nächte kamen von Planeten her, aus geheimnisvollen Fernen, schwebten freundlich über Seinen Purpur, streichelten den traurigen Schöpfer mit langen, weichen Schatten. Sterne zuckten auf und erloschen in ihren Schatten. „Wir danken dir, unser Schöpfer!" „Wo bist du? O, wo bist du?" „Heilig, Heilig, Heilig!" Gott brach in ein stilles Weinen aus unter Seinem herabgelassenen Purpur. „Und wen soll Ich lobpreisen? Wem danken für Meine Gottheit? An wen soll Ich glauben? Von wem soll Ich nehmen?" Tränen * Meteore rollten dahin in die schwarz? blauen schweigenden Nächte unter Ihm und sanken hinab in unbekannte Himmelsabgründe. Gott, der Schöpfer der Erde, des Himmels und der . . . Tränen, Er weinte. — JOSEPH HALEVY geb. 15. Dezember 1S27 in Adrianopel — gest. im Februar 1917 in Paris. Von Felix Perles. Das französische Judentum des 19. Jahrhunderts kann sich mehrerer Orientalisten ersten Ranges rühmen, deren Wiege aber ausnahmslos nicht in Frankreich gestanden hat. Drei von ihnen, Salomon Münk, Joseph Deren bürg. Julius Oppert, sind geborene Deutsche und haben in Deutschland ihre wissenschaftliche Ausbildung genossen. Da sie aber damals in ihrem Vaterlande keine Anstellung linden konnten, entschlossen sie sich zur .Auswanderung nach Frankreich, wo sie Universitätsprofessoren und ihrer Bedeutung entsprechend Mitglieder des Institut de France wurden. Der vierte, der soeben im 90. Lebensjahr verstorbene Joseph Halevy, ist in Adrianopel geboren, war zuerst Lehrer an der jüdischen Schule in seiner Vaterstadt und dann in Bukarest und erwarb sich autodidaktisch die Kenntnis der orientalischen Sprachen. 186S unternahm er im Auftrage der Alliance Israclite Universelle eine Reise zu den Falaschas in Abessinien. Ueber die Ergebnisse derselben erstattete er einen ausführlichen Bericht, der die Aufmerksamkeit der Pariser Academie des Inscriptions et Belles-Lettres auf ihn lenkte. In ihrem Auftrag unternahm er 1S69—70 eine Forschungsreise nach Südarabien, auf der er Gebiete berührte, die bis dahin noch kein Europäer betreten hatte. Auf dieser Reise entdeckte und kopierte er fast 700 sabäische und minäische Inschriften. Durch ihre Herausgabe und Erklärung wurde er zum Begründer der Sabäistik, die sich seitdem zu einem selbständigen Zweige der semitischen Sprachwissenschaft entwickelt hat. 1879 wurde er Prolessor des Aethiopischen an der Ecole des Hautes Etudes in Paris, in welcher Stellung er seitdem verblieb. Seine Veröffentlichungen, die das gesamte Gebiet der orientalischen Sprach- und Altertumskunde umspannen, sind nach. Zahl, Umfang und Vielseitigkeit geradezu unübersehbar und es gibt sicher keinen Gelehrten, der ihm auf allen