Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 17 (1917)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1917)
- Article
- Und Gott weinte
- Date
- 1917-03-01
- Page
- Seite 103 - 104 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584069-2584072-2605699--16526-2605734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
103 Und Gott weinte. 10+ „Und es ward vollbracht"! . . . Das, was Ich suchte, das bin Ich allein . . . Ich und sonst niemand! Und nach der göttlichen Zufriedenheit — stille Gleichgültigkeit, die immer schwerer und stärker wurde. O, diese schreckliche, göttliche Gleichgültigkeit! Sie kam wie ein linder Windhauch vom Meere; sie wurde finster, wie ein wilder Urwald vor einem Sommersturm, sie wurde schwer, wie die Berge in einer umwölkten Nacht. Die Trauben sind reif geworden . . . wozu bedürfen sie noch der Erdsäfte, was frommen ihnen die warmen Regenschauer, Tau und Sonnenkräfte? . . . Seiner selbst bewußt ward Gott geworden und durchdrungen von Seiner Gottheit — was sollten Ihm jetzt Welten und Weltchen, die wimmelnde Fülle Seiner großen und kleinen Geschöpfe? Es ist gut! . . . versuchte Gott noch einmal zu lächeln, wie Er früher lächelte, leuchtend und unbewußt, während Er schuf . . . „Es ist gut"! . . . bemühte Er sich zu überzeugen. Glauben, glauben wollte Er, daß alles gut war. Doch kalt wie Stahl leuchtete Sein Lächeln, und Seine göttliche Gleichgültigkeit wurde immer schwerer und schwerer . . . Eine große Frage fing an vor Ihm zu schweben in dem blauen Weltenraum, rätselhaft winkend von allen Sonnen her: „Nun? Und jetzt?" Kometen schwammen daher, wie feurige Liw* jathans,Sonnen lächelten und Planeten widerstrahlten im Lichte ihres Lächelns, führten einen Riesentanz um sie herum auf, badeten im Lichte, verschleierten sich im Schatten. Voll geladen mit gesunden Körnern künftigen Lebens, strotzend von Säften der Liebe und des Hasses, wälzten sie sich leiden? schaftlich in schmalen und breiten Ellipsen um die Sonnen, von denen sie beleuchtet wurden. Und Gott langweilte sich: „Und jetzt? Und jetzt?" Gewaltige Feuerkugeln glühten in ihrer ganzen vollen Jugend zu Seinen Füßen und um Sein stolzes, herabgelassenes Haupt. Er aber seufzte bitter: „Ach, wie kalt! Wie kalt ist es ringsherum!" Und den siebenten Tag segnete Gott nicht, wie es geschrieben steht. Nein, er verwünschte ihn . . . Er verwünschte dieses vollkommene, unendliche Bewußtsein, welches zusammen mit dem heiligen siebenten Tag erblüht war: Das Bewußtsein, daß er Gott war. Furchtbar langweilig ist es, beständig zu fühlen, daß man Gott allein sei. Alle Rechnungen sind beglichen, alle Wege sind öde, sterblich ist die Unsterblichkeit selber. Der Brunnen der Ewigkeit ist ausgeschöpft, der Durst nach ihm ist auch erloschen; die Siegesfreude ist verschwunden. Licht, Licht und weiter nichts. Weh Ihm, dem jungen Gott! Wie gut wäre es, wenn das gefährliche Gottbewußtsein Ihm noch lange, lange nicht gekommen wäre. Es hätte in Ihm noch das Bestreben gelebt, größer zu werden, die Hoffnung, kräftiger als alle Kräfte, ewiger als alle Ewigkeiten, leuchtender als alle Lichter, heiliger als alle Heiligkeiten. Wer weiß? Er hätte streben können, ein Gott zu w e r d e n. Jetzt aber ist alles vollbracht. Alles ist zu Ende. Alle Fernen erreicht, alle Höhen erklommen, alle Schönheiten erlangt. Er braucht nichts mehr zu suchen —, Er hat sich gefunden; Er braucht nach nichts mehr zu streben, — Er ist selber das Ziel. Wozu die Schön* heit schaffen, da es nichts Schöneres gibt, als Er? . . . Alle Ströme kehren in Seinen Ozean zurück, alle Klänge widerhallen in Seiner Seele, alle Farben und Strahlen spiegeln sich in Seinen heiligen Augen. „Und es ward vollbracht"! . . . Das ist Er allein, Er allein. — Fröhlich, voller Hoffnung und Regsamkeit rollten in gewaltigen Rhythmen die Sonnensysteme um ihn herum. Auf dem Antlitz der Planeten drängten starke und schwache Geschöpfe aus ihren Larven, aus ihren weißen und bunten Eierschalen hervor. Und haßten und liebten und strebten immer höher hinauf und hofften, dermaleinst zu Gott selber zu gelangen. Vor jedem Seiner Geschöpfe stand die Mögliche keit offen, etwas Höheres zu werden, als sie sind: Höheres als ein unfertiges, umherirrendes Atom. Flöheres als ein organisches Wesen mit un? klarem Lebensinstinkt. Höheres als eine Seemuschel mit kaltem Schleim anstatt Blutes in den Gefässen und mit stumpfen Drängen, träg und kümmerlich. Höheres als ein Kriechtier, das bereits seine Schlangenhaut in der Sonne wärmt und von Federn anstatt seiner Schuppen träumt, und von Flügeln ansstatt der ewig feuchten Extremitäten. Höheres als ein Säugetier mit rotem, heißem. Blut für, seine wilden Leidenschaften, mit süßer und .klarer Milch für seine Jungen, mit unruhigen Träumen, und ständigem Drang, zu streiten und zu wandern. Höheres als ein Affe: der ärmste böse Trieb auf Erden, ein Teufel auf niedrigster Stufe; das Zerrbild alles Schlechten und Häßlichen; und doch . . . ein vorgeschrittenes Geschöpf mit allen Anzeichen des kommenden Menschenkindes. Höheres als der Mensch: Halbgott und Halb^ satan, durch Muskeln und Blut zusammengewoben; in dem die Lust zum Zerstören gleich groß ist, wie die Lust zum Bauen; der sich auf den Pfaden, die zur Hölle und zum Paradies führen, verloren hat,, ohne zu dem einen oder zu dem anderen zu gelangen. Höheres als ein Künstler: eine Verkörperung schöpferischer Hartnäckigkeit; ein Geist, der sich aus dem eigenen Chaos befreit hat und über ihm schwebt . . . ein Gefühl, das alle anderen verzehrt,, und dadurch die Alleinherrschaft errungen hat. Dessen Tage und Nächte wüst und voller Ver* worrenheit sind, gleich der Werkstätte eines Töpfers; und das Reinste, was er schafft, funkelt in Häusern,, die ihm fremd und das Erhabenste in Gesellschaften, die ihm verhaßt sind. Aus seinem eigenen zer^ brochenen Leben formt er Abgüsse der Symbole von Harmonie und Schönheit, und Völker und Generationen äffen seine Modelle nach. Höheres als ein Prophet: ein weiter Blitz aus unbekannter Zukunft, eine hohe Sprosse einer Leiter, die noch niemand erklettert hat, die goldene Kuppel eines Tempels, dessen Mauern noch nicht aufgeführt sind. . . Sein Wort löscht aus den Glanz von allem, was teuer und heilig gewesen, aber grauen Scherben kann es den Schimmer von EdeU steinen verleihen. Ueber Köpfe von Völkern und