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Ost und West · 1917-03-01 · Heft 3-4 (März-April 1917) · p. Seite 95 - 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
17 (1917)
Issue
Heft 3-4 (März-April 1917)
Article
Zur Eröffnung der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
Date
1917-03-01
Page
Seite 95 - 96 (sequence 4)
Language
German
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95 S. Schneur. 96 Die wertvollste illustrierte Handschrift sind Pentateuchverse mit 122 kolorierten Federzeich* nungen des 16. Jahrhunderts aus Norditalien. Eben* daher stammen auch handschriftliche Machsorblätter mit prachtvollen, goldausgelegten, farbigen Initialen. Drei Blätter stammen von Wolf, sieben andere wurden bei der ersten Besichtigung der Kunstsamm* lung von einem Teilnehmer der Einweihungsfeier, der ungenannt bleiben will, geschenkt. Ein Wunder* werk der Kalligraphie ist eine Abschrift des kabba* listischen Werkes Ez hachajjim des Chajjim Vital mit verzierten Buchstaben und zahlreichen ganz* seitigen Federzeichnungen. In der Reihe der Porträts finden wir klangvolle Namen wie Zacutus Lusitanus, Joseph Salomo Delmedigo, Leon Templo, Manasse ben Israelt Baruch Spinoza, Isaak Aboab, Jacob Sasportas, Zebi Hirsch Aschkenasi (Chacham Zebi), Salomo Salem, Saul Löwenstamm, Arje Breslau, Sabbato Marini, Moses Gomes de Mesquita, David Oppen* heimer, Jonathan Eybeschütz, Ezechiel Landau, Hirschel Levin, Moses Mendelssohn, Salomon Maimon, Marcus Herz, David Friedländer, Hartwig Wessely, Salomo Dubno, Herz Homberg, Abra* ham Furtado, Joseph Sintzheim, Abraham de Cologna, Israel Jacobson, Löb Berlin und Meyer Simon Weyl vertreten. In der Mitte dieser stolzen Ahnenreihe jüdischen Geistes prangen die Bildnisse Mendelssohns, besonders sein von dem Berliner Akademie * Direktor Johann Christoph Frisch ge* maltes Oelbild, das beste Porträt, das wir von Mendelssohn besitzen und das bisher als verschollen galt. Es ist seit 1840 im Besitze der jüdischen Gemeinde und wurde für ein Werk Graffs gehalten. Neben dem wunderbaren Kunstwerke Frischs be* findet sich das Meisterwerk Johann Peter Anton Tassaerts: die Marmorbüste Mendelssohns, auf ihrem Säulenstumpf die Aufschrift Ramlers tragend: Moses Mendelssohn geboren in dessau IM JAHR 1729 VON JUEDISCHEN AELTERN. EIN WEISER WIE SOKRATES DEN GESETZEN DER VAETER GETREU UNSTERBLICHKEIT LEHREND UND UNSTERBLICH WIE ER. Hier ist eine stille Stätte des Kunstgenusses. Das Gleiche gilt überhaupt von der ganzen Aus* Stellung. Gehobenen Gemütes und seelisch erquickt wird sie ein jeder verlassen. Doch das Wichtigste bleibt der reiche Segen der Belehrung, den sie spendet. Möge die Kunstsammlung auch im weite* ren Ausbau zur besseren Kenntnis jüdischer Ge* schichte und Kultur beitragen und an der Wertung des Judentums mitwirken. Dann wird der Name ihres Stifters Albert Wolf und der Name der Ge* meinde, die sein Vermächtnis hütet und pflegt, von den spätesten Geschlechtern gesegnet werden. S. SCHNEUR. Eine literatische Silhouette von A. Singalowsky. Wer die triumphierenden Töne der jüdischen Renaissance hören will, muß Schneur lesen. — Und nicht Bialik? Es besteht da ein Unterschied wie zwischen verzweifeltem Lechzen nach Leben, und dem wahren schäumenden Leben selbst. Bialik ist das stürmische Gewitter nach unserem langen dumpfen Mittelalter, Schneur ist wie der neugeborene Tag. Bialiks Seele ist von der Trauer um die „Schechinah in der Verbannung" umflort. Sein Ge* müt wird von bitterem Leid gepeinigt, er ist der Ankläger und Klagesänger der jüdischen Gegenwart. Schneurs Geist weilt in der Sphäre titanischer Naturkräfte, wird von Herrscherträumen beflügelt, drängt sich zum Sitz des Schöpfers, und ist lauter Lebens* und Schaffensfreude. Fremd ist ihm das Einsamkeitsgefühl, das die Werke unserer altgebo* renen „Jüngsten" durchzieht. Von den Melodien jener Dichter, die mit ihm zusammen im Zeichen der neuen Zeit kamen, hebt sich sein mächtiges Lied ab. Es ist ein Hymnus der blühenden Jugend, ein Hymnus, der unsere kleine Welt wie ein kräftiger Protest durchklingt, wie eine Auflehnung gegen die Herrschaft des Alters, gegen die Verherrlichung des Greisenhaften . . . War Jungsein noch irgendwo so verpönt, wie bei uns? Mißachtet war die Jugend wie ein überflüssig Ding, das nicht mit dem Ton unseres Lebens harmonierte. Und in der Tat, wo* zu bedurfte man ihrer in der zerschlagenen Lebens* Stimmung des Ghettos? Um Gnade zu pflegen, den Rücken zu beugen und angstvoll Rat zu plagen, dazu eignen sich Greise weit besser . . . Niemand vor Schneur hat so kraftbewußt den gesunden, stolzen Willen verkündet, den Feiertag der strot* zenden Jugendkraft. Und während unsere Epikureer ohne Lebensfreude, unsere jungen Hypochonder, die Luft mit Seufzern und Bußetönen erfüllen, ihre Einsamkeit beklagen und Seelenlichter am Sterbe* bett des Ueberlebten anzünden, will Schneur auf seine Ansprüche nicht verzichten und fordert ungestüm die Rechte der Kindheit. Ihn rührt nicht die Agonie. In den Chor unserer Schulhofroman* tiker dringt sein unversöhnlicher Protest. Dem Anämischen und Faulen gilt sein grausamer Zuruf; Gib die Bahn frei! Es ist Zeit, daß du stirbst! Und in

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